Bali Nyonga Bamenda Dschang Nkongsamba Douala Edea Douala (415 km)
17.3.2011
An diesem Morgen nach dem Frühstück wollte Schwester Veronica mit uns noch ein paar Sachen besprechen. Sie bat uns in einigen Punkten um unsere weitere Hilfe. So gingen wir gemeinsam in ihr Büro und hörten uns ihre Anliegen an.
Sie hatte eine Mutter davon überzeugt, ihr Kind nicht abzutreiben. Die Mutter hatte sich einverstanden erklärt und ihr gesagt, dass sie aber Hilfe braucht, um ihr Leben mit einem Kind finanzieren zu können. Schwester Veronica hat bis jetzt sehr vieles bezahlt oder kostenlos übernommen. Das kleine Mädchen ist inzwischen drei Jahre alt und soll eingeschult werden. Ashia hat das Schulgeld für das Mädchen namens Precious Lenyo übernommen.
Ein 13 Jahre alter Junge namens Clifford geht in die dritte Sekundarklasse. Er ist ein Waisenjunge und seine Grossmutter versorgt ihn mit Nahrung. Für das Schulgeld reicht es aber leider nicht. Schwester Veronica hatte den Jungen gefunden, als er als kleiner Bursche Motblocks für den Hausbau anfertigen helfen musste. Sie holte ihn aus dieser Arbeit hinaus, die für Kinder keinesfalls geeignet und viel zu streng ist, und half mit, dass er in die Schule gehen durfte. Ashia hat den Anteil an sein Schulgeld an der Technical High School übernommen.
Ein Mädchen, das sehr viel krank war und ständig im Spital zu diversen Untersuchungen war, wurde von Schwester Veronica weitestgehend kostenlos behandelt. Offen war nur noch eine Ultraschalluntersuchung, die Ashia übernommen hat. Das Mädchen ist 17 Jahre alt und wird von der Familie verstossen. So ist sie eine Art Waisenkind. In den Ferien kommt sie regelmässig nach Bali. Zur Schule geht sie in Nka.
Danach erzählte sie uns von einem jungen Burschen, der an Krebs erkrankt war. Der Bursche namens Karl sass draussen auf der Wartebank und auf den ersten Blick sah man ihm seine Krankheit nicht an. Er war zur Behandlung gekommen, doch Schwester Veronica konnte ihn nicht behandeln, weil er kein Geld dabei hatte. Sie bat uns, ob wir ihm helfen könnten, irgendetwas auf die Beine zu stellen. Karl müsse jeden Monat Medikamente (Chemotherapie) für 60 000 CFA (=143 CHF) einnehmen und seine Verwandtschaft war bisher dafür aufgekommen, was jetzt aber trotz allen Anstrengungen nicht mehr ginge. Karls Mutter ist gestorben und sein Vater hat die Familie verlassen. Er wohnt momentan bei seiner Grossmutter. Er konnte trotz der Krankheit die Sekundarschule bis zur Form 5 besuchen. Wir wussten zuerst nicht genau, wie wir ihm helfen können. Bis wir auf die Idee kamen, dass er einige unserer Hilfsgüter verkaufen könnte. Normalerweise verkaufen wir keine Hilfsgüter, doch wir haben sehr viele Ringe, Halsketten, Armbänder und Ohrringe erhalten. Diese Geschenke sind für durchschnittliche Menschen eher Luxus und helfen mittellosen Familien nicht direkt weiter. Wir sammelten alles zusammen und ein ganzer Tisch voller Schmuck kam dabei zum Vorschein. Wir holten Karl zu uns und zeigten ihm, was wir hatten und dass unsere Idee wäre, dass er den Schmuck verkaufen darf und mit dem Erlös seine Medikamente finanziert. Karl zeigte sich zuerst sehr ruhig und zurückhaltend. Als wir ihm alles erklärt hatten, gaben wir ihm noch zwei Rucksäcke (einen um alles einzupacken und ein zweiter, um es auf dem Markt zu präsentieren), zwei Schreibblocks und ein paar Stifte. Wir baten ihn, eine einfache Buchhaltung zu führen und so sein eigenes kleines Business auf die Beine zu stellen. Er zeigte uns ein Foto von sich, wie er vor der Operation ausgeschaut hatte. Sein linker Fuss war über und über von einer Art Geschwür aufgedunsen gewesen. 2001 hatte die Krankheit begonnen, als er gerade mal 12 Jahre alt war. Im Alter von 20 Jahren wurde ihm dann sein ganzes linkes Bein über dem Knie amputiert. Auf den Tag genau erinnerte er sich daran. Karl taute immer mehr auf und erzählte von sich und von seinem Leben. Er zeigte bereitwillig sein Bein und zog die Prothese ab. Am Bein und an den Armen sind weitere kleine Geschwüre zu sehen, die mit den Medikamenten in Schach gehalten werden können. Als unser Gespräch zu Ende war und wir einige Fotos geknipst hatten, fiel uns Karl dankbar um den Hals. Wir konnten die Freude deutlich spüren. Sein Herz hüpfe wie verrückt und er freue sich so sehr, dass wir ihm helfen. Er sei bereit für diese neue Aufgabe und werde alles ordentlich und sauber ausführen. Wir wünschten ihm alles Gute für sein Business und freuen uns, ihn bald wieder zu sehen und zu hören, wie es ihm geht. (Nachtrag Juli 2011: Leider erlag Karl in diesem Monat seinem Krebsleiden und verstarb im Spital von Bafut, worüber wir sehr traurig sind.)
Das letzte gemeinsame Foto mit Karl, † Juli 2011. Ohne Hemmungen zeigt er seine Beinprothese und erzählt uns sein Schicksal.
Schwester Veronica war äusserst dankbar, dass wir ein paar ihrer Anliegen lösen konnten, wenn auch nicht alle. Ein riesiges Projekt für einen Operationssaal nahmen wir zwar entgegen, doch sagten ihr, dass wir im Moment keine Mittel dafür zur Verfügung haben.
Nach dem Gespräch mit Schwester Veronica stellte uns Schwester Miryam ein Projekt für ein Waisenhaus im Norden vor. Sie strotzte voller Tatendrang, hatte das Projekt von A bis Z durchdacht, sauber aufgeschrieben und ein Video dazu erstellt. Sie sei bereit für eine neue Aufgabe und habe das Gefühl, dass dies nur noch auf sie warte. Als sie uns das Projekt vorstellte, waren wir ebenfalls begeistert. Es könnte zu Ashia passen. Wir nahmen die Unterlagen entgegen und werden uns weiter damit befassen. Es wäre schön, wenn es zum klappen käme und wir weitere Sponsoren dafür finden würden.
Nach den Gesprächen fuhren wir nach Bamenda, um unser Auto ein weiteres Mal in der Garage zu zeigen. Da der Anlasser noch immer nicht funktionierte, musste dem Problem gründlich auf den Grund gegangen werden. Es benötigte sehr viel Zeit, die wir im Internet mit Geschichten und Fotos hochladen vertrieben. Des Weiteren gab es noch einige weitere Projekte zu besprechen. Nicht immer läuft alles auf Anhieb reibungslos und auch wir bleiben von kleineren Misserfolgen nicht verschont. Doch abschliessend sind wir sehr zufrieden und Fehler machen und daraus lernen gehört auch hier dazu. Wie heisst es so schön: wende dein Gesicht der Sonne zu, und du lässt die Schatten hinter dir (Sprichwort aus Afrika). Und Sonne hat es wahrlich viel in Kamerun...
Den letzten Abend verbrachten wir im Konvent mit allen Schwestern, welche ein richtiges Abschiedsessen vorbereitet hatten. Das grosse Verabschieden stand an. Danach hiess es Koffer packen, alles zusammenstellen, was in Bali-Nyonga fürs nächste Mal zurückbleibt und früh ins Bett, um für die Fahrt zum Flughafen fit zu sein.

Schweine-Lebendtransport zum Markt. Riesen Gewühl an einem Markt unterwegs. Grilladen werden zubereitet.
Um 6 Uhr morgens am 18.3.2011 starteten wir Richtung Flughafen Douala. Ein kurzer Abstecher zu Schwester Candida in Edea, wo wir etwas zu Essen und eine kühle Dusche erhielten, stand mit auf dem Programm. Wir freuten uns schon wieder auf zu Hause und gingen durch das Gewühl der Stadt Douala bald einmal frühzeitig zum Flughafen.

In grösster Hitze bereiten die Schwestern und Helferinnen in Edea Palmöl zu.
Einmal mehr waren wir glücklich und dankbar, wie gut alles verlaufen war. Wir hatten sehr viel erlebt, sehr viel gesehen und nahmen sehr viele Informationen und Geschichten mit nach Hause. Und nachts in den Träumen wurden wir noch von grossen Kinderaugen angesehen oder wir hielten in der Dürre der Landschaft an, um mit diversen Menschen zu sprechen oder Güter zu verteilen.
Der Aufenthalt wird wie alle 6 Kamerun-Reisen zuvor in bester Erinnerung bleiben. Rund 3500 Kilometer waren wir während der ganzen Zeit unterwegs. Natürlich reisten wir nicht ab, ohne einen ungefähren nächsten Trip vor Ort zu planen, was in etwa 1 Jahr soweit sein wird. Wir freuten uns zwar erstmal sehr auf zu Hause und doch auch schon wieder auf die nächste Kamerun-Reise...
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