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Kamerun Reisebericht Cameroon

Tibati – Banyo – Mayo Darle (135 km)


14.3.2011

Am Morgen um 6.30 Uhr starteten wir die weitere Reise Richtung Mayo Darle. Es war noch kühle 15 Grad und wir zogen unsere Pullover an. Ein Verwandter von Gregory führte uns in Tibati noch zum See, wo gefischt wird. Ein See ist in Kamerun etwas sehr seltenes. Dieser See bei Tibati ist ziemlich gross. Um 7.30 Uhr fuhren wir dann endgültig los. Die Strecke von Tibati nach Mayo Darle führt ausschliesslich über holprige Pisten und wir wurden einmal mehr gänzlich durchgeschüttelt. In unzähligen Erdlöchern neben der Strasse entdeckten wir in diesen frühen Morgenstunden Vögel, die ihre Nester darin haben. Diverse blau leuchtende Kingfisher flogen umher. Leider konnten wir kein Foto machen, weil sie jeweils so schnell wieder weg waren.



    

Busch-Chicken in Gefahr. Der See in Tibati. Vögel, die ihre Nester an den Löchern am Strassenrand gebaut haben.


Wir fuhren zurück an den vielen kleinen Hüttchen mit Strohdächern. Nach über zwei Wochen in Kamerun kam es langsam zum „Ferienkoller“. Man sieht im ganzen Land die Armut und hat das Gefühl, man kann eigentlich gar nichts verändern. Man schwitzt, es ist extrem heiss, alles ist inzwischen voller Dreck und man hat langsam das Gefühl, man habe alles gesehen, was man wollte. Der mittlerweile braun gebranntes Kopf und der Speicherchip im Fotoapparat ist voller Bilder - die Wasserflasche und der Energievorrat im Körper leer. Man fährt stundenlang über Stock und Stein und trifft überall die gleichen Probleme an. Schlechte Schulen, Spitäler, die kaum Hilfsmittel haben und diverse Leute, die im Schatten auf Arbeit oder auf Unterhaltung warten… Man wird überall angequatscht, jeder will einem etwas verkaufen, überall ist Not am Mann und die Kinder, die an den Strassenrändern spielen, sind voller Schmutz und Dreck. Zum Glück schafften wir es auch dieses Mal, den Koller zu überwinden. Man spricht darüber, was man alles gesehen hat. Man denkt nach, weshalb es hier so anders ist als zu Hause. Man sucht Lösungen, um etwas zu verbessern. Und man denkt an den schönen Spruch: Auch wenn es nur ein Tropfen Hilfe ist: Der Ozean wäre weniger, wenn ein Tropfen fehlen würde! Wir konzentrierten uns wieder auf unsere Projekte und fanden Motivation. Es hat sich in den letzten Jahren doch schon einiges verbessert. Vor allem wenn man im Spital und in der Schule von Mayo Darle ist. Und plötzlich macht es wieder Freude, man quatscht und spasst mit den Leuten und findet inmitten des Elends einen Lichtblick. Sich nicht verlieren und auf das Wesentliche konzentrieren ist jetzt gefragt. Wenn man den sprichwörtlich kleinen Finger gibt, wird häufig nach der ganzen Hand gefragt. Ruhig bleiben und dem Spruch der Kameruner folgen: small small catch the monkey (langsam langsam fängt man den Affen).



      

Wie immer sind wir auf der Suche nach weiteren fotogenen Kindern für den nächsten Ashia-Kalender.


Hinzu kam ein plötzliches Problem mit dem Auto mitten im Busch: wir konnten es nicht mehr anlassen. Nun hiess es anschieben. Zum Glück ging die Piste an dieser Stelle ein wenig den Hügel hinunter und es klappte reibungslos. Nur: was war los mit dem Auto? Wir fuhren ohne Anhalten nach Banyo, kamen um 11 Uhr an und suchten eine Garage. Ein paar junge Burschen flickten unter der brennenden Sonne verbeulte Autos. Wir fanden bald jemanden, der sich um den Toyota kümmerte. Während dessen setzten wir uns in den Schatten und tranken etwas Kühles. Das Restaurant hatte gemäss Bedienung einen Tag zuvor eröffnet. Ein paar Stühle, zwei Sonnenschirme und Tische standen herum. Für ein Getränk musste er zuerst einkaufen gehen.

In Banyo hatten wir noch immer 4 Kinder aus dem Kalender nicht gefunden. Der Zufall wollte es, dass mich der grosse Bruder eines Jungen (Oktober-Blatt) sah, als ich mit dem Bild herum ging und es ein paar Kindern zeigte. Er setzte sich auf das nächste Mofa und ging seinen Bruder suchen. Tatsächlich kam er kurze Zeit später mit dem Burschen wieder. Der Junge ist 11 Jahre alt und heisst Oumaru. Er hat 4 Geschwister und ist der Zweitälteste. Sein Vater ist Metzger und seine Mutter Hausfrau. Er geht in Banyo in die 3. Klasse. An diesem Tag versuchte er in der Dorfmitte, ein Huhn zu verkaufen. Wir übergaben ihnen den Kalender und das Schulgeld.

Per Zufall war ein super kompetenter Mann namens Ismail vor Ort. Er verstand sofort, um was es ging. Er hatte mich gesehen, als ich die Kinderfotos zeigte und zeigte sich behilflich, die Kids zu suchen. Anscheinend kannte er sie alle und es war unglaublich, wie einfach plötzlich alles war. Wir hatten ein paar mangelhafte Hinweise wie Vornamen, ungefährer Wohnort oder Name der Schule. Er fuhr mit seinem Mofa in Banyo herum und holte eins nach dem anderen die Kids mit Mutter oder Vater zu uns. Für uns war das absolut genial. Wen wir selber hätten suchen müssen, hätten wir viel zu viel Zeit verloren. Er kannte seine Stadt und viele Leute und sprach zudem Englisch. So übersetzte er oft auch für die Eltern in deren Sprache, um was es ging. Auch hier dachten die Leute nämlich meistens, das Kind habe etwas verbrochen, wenn es gesucht wird. Und zudem noch wenn es von Weissen gesucht wird…

So kam kurze Zeit später Woyu Brahina, 6 Jahre, mit ihrer Mutter zu uns. Sie ist auf dem Kalenderblatt vom November 2011 Die Kleine geht inzwischen in die Schule der Ecole Bilingual. Ihre Mutter hat zwei Kinder und Woyu ist die Älteste. Ihr Vater arbeitet für den Zoll. Die Mutter selbst ist erst 22 Jahre alt und geht selber noch zur Schule. Das Kalenderbild entstand in der Schule.



      

Was für ein Glück: wir fanden alle 4 Kalenderkids in Banyo wieder. V.l.n.r.: Oumaru, Woyu, Anita und Nefisatu mit Kalender und Schulgeld.


Auch die weiteren zwei Kalenderbilder entstanden in der Schule. So kam danach gleich Anita, 8 Jahre. Sie ist auf dem Kalenderblatt vom Januar 2011. Sie geht in die erste Klasse der Annexe Group. Sie ist die Mittlere von drei Kindern. Ihre Mutter arbeitet auf einem Büro und ihr Vater ist Tierarzt. Sie wohnen im Djouta Fada Quartier.

Und als letztes an diesem Tag kam Nefisatu, 9 Jahre. Sie ist auf dem Titelblatt des Kalenders 2011. Sie ist die einzige, die noch in der katholischen Schule Banyo zur Schule geht. Ihre Eltern haben 8 Kinder und sie ist die Zweitälteste. Ihre Mutter ist Hausfrau und ihr Vater Fischverkäufer.

So hatten wir unsere Aufgaben in Banyo erfüllt und inzwischen war es 14 Uhr geworden und das Auto fertig repariert. Im geschlossenen Auto war das Thermometer auf stolze 56 Grad angestiegen! Auf der Weiterfahrt gab es also fast gekochtes Trinkwasser… Wir verliessen den Ort und fuhren weiter nach Mayo Darle. Doch schon ein paar Kilometer weiter merkten wir, dass der Anlasser noch immer nicht funktionierte. Nun hiess es, jedes Mal genau aufpassen, wo wir anhalten und danach schieben. Die nächste Garage war gefragt. Wir hofften, sie in Mayo Darle zu finden.

Unterwegs sahen wir schon von Weitem grosse Rauchschwaden. Wir fuhren direkt einem Feuer entgegen. In der winzig kleinen Ortschaft Bon Marché standen wir direkt davor. 5 Häuser mit Strohdächern brannten lichterloh. Zwei davon waren bereits ausgebrannt. Rundherum brannten Büsche, Bäume und das dürre Gras. Die betroffenen Familien hatten ihr weniges Hab und Gut (ein paar Töpfe und Schüsseln) nach draussen in Sicherheit gebracht. Es war ein trauriger Anblick und niemand konnte helfen. Keine Feuerwehr weit und breit und kein Wasser, um es zu löschen. Einfach warten und hoffen, dass der Wind das Feuer nicht noch weiter weg trägt und noch mehr zerstört wird. Die Familien haben sonst schon nichts und das Wenige, das sie besitzen, wird in einem kurzen Moment zerstört. Kinder und Frauen standen um ihre Habseligkeiten und wussten nicht, was tun.



    

Nicht schon wieder... ein Dorf steht in Flammen :-( Ein Dorfbewohner erkennt uns wieder vom letzten Mal.


Als wir Mayo Darle erreichten, begrüsste uns die Mutter der operierten Zwillinge Assana und Ousseni. Wir merkten gleich, dass etwas nicht stimmt. Nach ein paar Worten begann sie zu weinen. Ihre älteste Tochter, die in unserem ersten Kalender abgebildet war, lebt seit etwa 3 Jahren in Foumban bei ihrer Tante. In Kamerun ist es üblich, seine Kinder an Verwandte zu geben. Dies, wenn die Verwandten keine eigenen Kinder haben oder wenn sie einfach Hilfe brauchen. Für mich eher eine Art von günstiger Arbeitskraft oder der Beginn von Kinder-Sklaverei… Die Mutter erzählte in wirren Worten, Zouleatu habe grosse psychische Probleme dort und ihr Mann habe mitten in der Nacht einen Anruf erhalten, er müsse unbedingt kommen. Foumban liegt ein paar Autofahrstunden weg. Zouleatu ist inzwischen schätzungsweise 14 Jahre alt und schon schätzungsweise 3 Jahre von der Familie getrennt. Wir versuchten die passenden tröstenden Worte zu finden und ihr beizubringen, dass ihr Mann die Tochter nach Hause holen soll. Am Abend dann rief der Vater aus Foumban bei Gregory an. Die Tante hatte die Tochter zu einem Marabu geschickt (Wunderheiler) und was für Methoden dort angewandt werden, ist äusserst undurchsichtig und schleierhaft. Mit diversen Mitteln, die ich schon oft auf den öffentlichen Märkten gesehen habe, wird herumgedoktert. Er könne seine Tochter nicht mitnehmen. Sie sei nicht in der Lage, diese weite Reise auf sich zu nehmen. Und der Marabu habe gesagt, wenn er sie jetzt von diesem Stuhl hochheben wolle, würde sie gleich in seinen Händen „zerfliessen“. Der Vater war ebenfalls in die Fänge dieses Wunderheilers geraten und getraute sich gar nichts mehr zu machen. Er sagte als einziges, er werde jetzt 2-3 Tage warten und die Situation abkühlen lassen, bevor er mit ihr nach Hause reisen würde und sie ins Spital zu einem Checkup bringen würde. Wir hofften, die Situation würde sich bald beruhigen. Etwas anderes tun konnten wir hier leider nicht. Nach den vielen Geschichten des Tages legten wir uns bald schlafen. Die Autogarage fanden wir übrigens in Mayo Darle nicht, weil unser Anlasser-Problem von niemandem vor Ort repariert werden konnte.



      

Und noch mehr süsse Kalendersujets...Die Kinder posieren gerne für die Kamera und gucken sich nachher Freude schreiend im Display an.


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