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Kamerun Reisebericht Cameroon

Mayo Darle


9.3.2011

An diesem Morgen mussten wir zuerst unsere viele Wäsche waschen. Mit kaltem Wasser schrubbten wir den Sand der vergangenen Tage aus den Kleidern. Es wurde mehr oder weniger sauber. Jedenfalls hatten wir nachher das Gefühl, es sei sauberer als vorher ;-) Um uns herum flatterten die Hühner. Wir freuten uns, zu hören, dass unser Hahn von der letzten Reise noch am Leben war und schon eifrig für Nachwuchs gesorgt hatte. Sie pickten aus einem ausgelegten Plastik Samen auf. Irgendwann bekam ich mit, dass dies kein Hühnerfutter ist, sondern für eine nächste Mahlzeit parat zum Trocknen liegt. Von da an versuchte auch ich, die Hühner davon abzuhalten, in die Samen zu treten und aufzupicken oder im schlimmsten Fall noch ihr Geschäftchen darin zu hinterlassen...

Danach besuchten wir die angrenzende Schule zum katholischen Spital. Mittlerweile gehen hier 139 Kinder zur Schule. Als wir das erste Mal hier waren, wurde der Kindergarten erst frisch gestartet. Im Moment gehen 75 Kinder in den Kindergarten und 64 in die Primarschule. Die Schule hat eine neue Unterkunft für eine Klasse gebaut, weil sie zu wenig Platz hatten. Das Gebäude ist aus ein paar Bambus-Stangen und Plastikplanen zusammengezimmert. Ein Kindergartenjahr kostet 15 500 CFA (=37 CHF) und ein Primarschuljahr kostet 13 500 CFA (= 32 CHF). 5 Lehrer unterrichten die Schüler. Zwei Frauen unterrichten die Unterstufen und verdienen 20 000 CFA (= 48 CHF). Zwei Männer unterrichten die erste und die zweite Klasse und verdienen 37 835 CFA (= 90 CHF). Schwester Scolastica ist die Chefin der Schule und verdient 50 000 FCA (= 119 CHF). Für ein neues Schulgebäude stehen bereits ein paar Blocksteine parat. Doch noch ist nicht genug Geld beisammen, um damit zu starten. Schwester Scolastica erzählte uns, dass sie mit den letzten Spendengeldern 42 Kindern ein Schuljahr bezahlt hat. Diese Kinder sind Waisenkinder, Halbwaisen oder von ihren Eltern verlassen worden. Wenn sie nicht zur Schule gehen, kann man sich vorstellen, was einmal aus ihnen werden wird...

Wir besuchten alle Klassen und verteilten Bleistifte. Alle Kinder an dieser Schule trugen die von Ashia gesponserten Schulsäcke und Pullover. Ebenfalls sahen wir die Etuis und Stifte im Einsatz.



    

Die Kindergärtner von Mayo Darle. Unterricht macht müde... Einblick in die Vorschulklasse.



    

Das neue Schulzimmer ist zwar erst ein Provisorium, aber bereits sehr gut besucht. Die gespendeten Schultaschen sind im Einsatz und spornen die Schüler an, die Schule regelmässig und fleissig zu besuchen.



      

Schüler und Kindergärtner in der kath. Schule von Mayo Darle. Plauderstunde mit Schwester Scolastica, der Schulleiterin.


Nach dem Schulbesuch machten wir eine Pause. Gregory fühlte sich nicht gut, er hatte schon seit ein paar Tagen eine starke Erkältung und vermutlich auch Fieber. So legte er sich ein wenig hin. Ich unterhielt mich während dessen mit den Schwestern. Schwester Scolastica ist auch diejenige, die sich um die Kinder kümmert, deren Operationen wir finanzieren. Die einzelnen Geschichten, die sie zu erzählen hatte, sind fast nicht zu glauben.

So zum Beispiel eine Geschichte, die erst ein paar Tage alt ist, als sie Valentine zur Nachkontrolle der Operation nach Njinikom mitnehmen wollte. Dafür muss ich etwas ausholen. Schwester Scolastica hat die Papiere und die Erlaubnis aller Eltern erhalten, dass sie mit diesen Kindern zur Operation abreisen darf und während dieser Zeit für sie verantwortlich ist. Dafür holte sie die Unterschrift aller Eltern und vom Dior (Dorfchef) und dieser wiederum holte die Bewilligung auf weiteren Posten, die während dieser Reise zu passieren sind.

Valentines Operation war ein wenig komplizierter gewesen als alle anderen und deswegen hatten er und seine Mutter länger in Njinikom bleiben müssen als die anderen Kinder. Er kam also später in die Reha nach Bafut und somit auch später wieder zurück nach Mayo Darle. Als sie wieder hier waren, ärgerte sich der Vater, weil die Mutter solange weg gewesen war und nicht auf der Farm geholfen hatte. Schwester Scolastica erklärte ihm, was ihm denn wichtiger sei: seine Farm oder die Gesundheit seines Sohnes? Er fand keine passende Antwort.

Nun wollte sie Valentine zur Nachuntersuchung abholen. Doch seine Eltern und Valentine erschienen nicht. Die Schwester wartete und wartete. Stunden verstrichen und sie entschied, ins Dorf zu fahren, um nach dem Vater zu suchen. Im Dorf fand sie seine Trink-Kumpanen, bei denen sie nach dem Vater fragte. Einer sagte, er werde ihn holen gehen und fuhr mit dem Mofa davon. Kurze Zeit später kam er wieder: im Haus von Valentine herrsche „Krieg“. Er würde keinesfalls nochmals dorthin fahren. Schwester Scolastica wollte selber dorthin. Aber der Kumpane fuhr sie nicht hin. So ging sie nachts um 10 Uhr zum Dorfpolizisten. Ob er sie begleiten könne, so dass sie Valentine für die Nachkontrolle mitnehmen könne? Er verneinte, weil er alleine im Büro sei, aber sie könne einen Arbeitskollegen fragen gehen. So ging sie weiter und klopfte nachts um 11 Uhr dort an. Dieser war überrascht, was sie denn um diese Zeit von ihm wolle. Sie erklärte ihm die Situation und er kam mit ihr mit. Gemeinsam fuhren sie zum Haus. Die Mutter wollte Valentine mitgeben, der Vater weigerte sich nach wie vor. Vor den Augen des Polizisten und der Schwester schlug er seine Frau und machte Terror. Irgendwie haben sie es dann doch geschafft, dass Valentine mitkommen durfte. Die Schwestern hoffen, dass die Mutter den Vater verlässt und zurück zu ihren Eltern fährt, damit sie für sich und die Kinder eine hoffentlich bessere Zukunft findet.

Des Weiteren dachten die Eltern eines Mädchens, dass wenn sie ihr Kind mit der katholischen Schwester schicken, diese zu einem anderen Glauben gezwungen würde. Sie wollten für die Operation nicht einwilligen. Die Tante hat dann verstanden, um was es ging und willigte ein. Sie sagte, es spiele doch keine Rolle, wenn diese katholischen Schwestern sich um ihre Nichte kümmern würden. Die Schwestern würden schliesslich für ihre Kinder schauen und ihnen helfen und sie nicht auch noch vernachlässigen und wegen ihrer Behinderung im Haus verstecken. Dieses Kind ist inzwischen etwa 15 Jahre alt und konnte noch nie die Schule besuchen, weil sie körperlich behindert ist. Dabei könnte ihr schon lange geholfen werden.

Nebst diesen einzelnen schwierigen Fällen waren viele sehr erfreuliche Fälle. Die meisten Eltern waren bei Schwester Scolastica vorbei gekommen und hatten sich bei ihr bedankt. Sie seien so froh, dass ihrem Kind geholfen wurde. Sie hatten oft ein oder sogar zwei Hühner mit dabei, um ihre Dankbarkeit auszudrücken. An einigen Orten veranstalteten die Eltern sogar ein kleines Fest, als ihr Kind gesund wieder zurückkam. Sie freuten sich riesig. Endlich habe ihr Kind eine Zukunft, könne eines Tages auch einmal heiraten und die Hoffnung auf eine Familie haben und müsse nicht alleine bleiben.

Schwester Scolastica ist zu bewundern. Trotz vielen schwierigen Situationen, die sie zu bewältigen hat, strotzt sie voller Lebensfreude und hat immer ein Lachen im Gesicht. Sie könne es sich nicht leisten, sich über Negatives zu ärgern. Sie habe diesen Weg gewählt und wolle ihn entsprechend ausführen. Sie besitzen selber nichts und opfern sich tagtäglich für andere auf. Egal welche Religion oder welche Herkunft. Je länger man hier ist, desto klarer wird, dass ohne Menschen wie sie hier vieles nicht funktionieren würde. Und bewusst schirmt sie uns von den Eltern ab, weil sie befürchtet, dass sonst unzählige Eltern kämen und all ihre Sorgen und Probleme bei uns abladen würden. So entscheidet sie, die alle hier besser kennt, wer wirklich Hilfe braucht und wer nicht.



      

Die Hauptachse Nord-Süd verläuft an Mayo Darle vorbei; hier läuft immer etwas. Die Dorfkinder verkaufen an der Strasse ihre Sachen. Dieses Kind mit toller Ausstrahlung findet mit Sicherheit ihr Bild im nächsten Ashia-Kalender...


Am späteren Nachmittag fuhren wir ins Dorf, um etwas zu trinken und weitere Kinder im Kalender zu suchen. Wir zeigten die neuen Fotos und auf einem sind zwei Jungen zu sehen, die gerade aus der Moschee kamen, wo sie gebetet haben. Der Zufall wollte es, dass Assanas und Oussenis Vater (der Vater der von uns operierten Zwillinge) den einen Jungen kannte. Wir schicken ihn los, um nach ihnen zu suchen. Es ging nicht lange, da kam er wieder mit einem jungen Burschen und den zwei Jungs auf dem Kalenderblatt. Der Ort, wo sie wohnen, gehört zu Mayo Darle, liegt jedoch ziemlich ausserhalb, eigentlich ein eigenes kleines Dörfchen mit 60 Einwohnern namens Mayo Tolore. Das Dörfchen hat keinen Strom und besteht nur aus ein paar wenigen Hütten. So fuhren wir mit dem Burschen und den zwei Jungs im Auto dahin. Mittlerweile war es schon dunkel geworden. Wir fuhren an riesigen Buschfeuern vorbei, die nachts noch viel spektakulärer erscheinen als tagsüber. Sie werden übrigens meistens nur nachts angezündet, weil es dann nicht oder weniger windet und die Gefahr, dass das Feuer verschleppt wird, kleiner ist. Die Strasse wurde immer schmaler und holpriger. Der Weg hier würde auch als „Wanderweg“ in nur 3 Kilometern nach Nigeria führen. Nach nicht allzu langer Zeit fanden wir den Ort. Ein paar Dorfbewohner kamen aus ihren dunklen Hütten und wir wunderten uns, wie sie hier etwas sehen. Es war kein Feuer angemacht. Wir suchten nach den Taschenlampen, um uns zurecht zu finden und die Anwohner zu informieren, um was es geht und wer wir sind.

Das Kalenderbild zeigt links Usmanu Shave, der 11 Jahre alt ist. Er geht in die 1. Klasse der Government Schule. Er hat 7 Geschwister und ist der Zweitjüngste. Sein Vater ist gestorben und seine Mutter arbeitet und lebt von der Farm.



    

Alle Kinder drängeln sich gerne mit aufs Foto. Wir fahren durch die stockdunkle Nacht, vorbei an Buschfeuern, auf der Suche nach den zwei Kalenderkindern.


Auf der rechten Seite ist Ahmadou Rouphai, 10 Jahre alt. Er geht in dieselbe Klasse und hat sage und schreibe 12 Geschwister! Er ist der Jüngste und auch sein Vater ist gestorben. Seine Mutter kam hinzu, eine ältere Frau, die auch von der Farm lebt und die sich sehr über den Besuch und den Zustupf ans Schulgeld freute. Mit dem Dorfchef übergaben wir ihnen die Kalender und sie erzählten, dass die Jungs jeden Freitag in die Zentralmoschee in Mayo Darle gehen. Das Bild zeigt sie kurz nach dem Besuch dort.



    

Geschafft: Ahmadou und Usmanu sind gefunden und erhalten ihren Kalender und das Schulgeld. Die kath. Schule und das kath. Spital erhalten beide eine grosszügige Spende aus der Schweiz.


Nach diesem Besuch fuhren wir zurück in den Konvent, wo wir ein feines Abendessen erhielten. An diesem Abend übergaben wir noch die zwei grossen Spenden für die Schule und das Spital. Die Freude war einmal mehr riesig. Wir verabschiedeten uns bald, weil der kommende Tag streng werden würde und wir noch die Koffer packen wollten, solange es hell ist. Um etwa 23 Uhr wird der Strom abgeschaltet und kommt dann erst wieder am anderen Abend. In der Dusche hatte sich in der Zwischenzeit eine lange Schnecke breitgemacht, die den Abfluss hochgekrochen war…


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