Bali Nyonga Banjah Enwen Bamenda Bali Nyonga (etwa 118 km)
4.3.2011
Am Morgen früh fuhren wir los in Richtung Banjah. Dies ist ein kleines Dorf ausserhalb von Bali-Nyonga, wo wir eine Schule unterstützten. Wir wollten sehen, wo unsere Hilfsgüter im Einsatz sind. Die Government Schule Banjah Koblab ist mitten im Nichts. Wir fuhren soweit es ging mit dem Auto und hatten nur einen Rucksack mit dem Nötigsten mit dabei (Pass, ein wenig Kleingeld, eine Wasserflasche und den Fotoapparat). Alles Unnötige liessen wir zurück, um nicht zu viel tragen zu müssen. 45 Minuten gingen wir zu Fuss weiter. Zuerst etwa 30 Minuten steil bergauf. Wir kamen schnell ins Schwitzen, das Wetter war trotz bedecktem Himmel sehr heiss. Nach einer Weile entdeckten wir eine grosse Affenherde, die davon rannte. Rund um uns war ausser Büschen und Bäumen nichts. Der Pfad führte uns immer weiter den Hang hinauf, über Stock und Stein. Nur zu Fuss ist das Dorf erreichbar. Irgendwann kamen dann zwei bis drei Strohhütten zum Vorschein und ein paar Frauen winkten und begrüssten uns. Eine trug auf dem Kopf eine grosse Schüssel voller Kleider, die sie an den Fluss zum Waschen brachte. Wir gingen weiter, durchquerten Pferde- und Schafherden und kamen durch einen kleinen Wald. Kola- und Mangobäume sowie Bananenstauden wuchsen wild und hier darf sich jeder bedienen. Kurz nach dem wir den Wald durchquert haben kamen wir auf eine Lichtung und ein Schulgelände kam zum Vorschein. 76 Kinder rannten uns fröhlich entgegen und umarmten und begrüssten uns. Das Buschtelefon hatte den Besuch angekündigt. Auch ein paar Eltern hatten sich versammelt, um uns kennen zu lernen. In dieser Region wohnen ausschliesslich Bororo, eine Moslem-Gruppe. Sie sprechen ihre eigene Sprache (Fulfulde) und mit ein paar Wortfetzen konnten wir uns mit den Eltern unterhalten. Die 5 Lehrer integrieren die Bororo-Kinder, indem sie ihnen Englisch beibringen. Von den 5 Lehrern sind 4 aus Bali. Einer ist ein Bororo und unterrichtet die Kinder im Koran. Doch auch in anderen Religionen erhalten diese Kinder einen Einblick. Sie singen Lieder über Gott und interessieren sich für andere Völker und Länder. Die Regierung versucht soweit wie möglich diese Kinder in die Bevölkerung „einzugliedern“. Anderenfalls leben sie in ihrer eigenen geschlossenen Umgebung und lernen höchstens von ihren Eltern die notwendigsten Dinge, die sie fürs Leben gebrauchen. Diese Volksgruppe hat keinen festen Wohnsitz. Jahrzehntelang sind sie als Wandervolk umhergezogen, leben von Kühen oder Ziegen und besitzen kein eigenes Land. Andere Moslemgruppen mit demselben Hintergrund sind die Fulbe und die Haussa. Diese Völker dürfen traditionell auch ihre eigenen Verwandten heiraten. Männer dürfen laut Koran bis 4 Frauen haben.

Wir wandern zur Schule Banjah. Freilaufende Pferde der Moslems sind auf den Weiden. Die Kinder empfangen uns freudestrahelend in den neuen Kleidern (Schuluniformen) von Ashia und singen für uns.
Die Lehrer bedankten sich im Namen der Eltern für die Pullover, die Schulhefte und die Wassersäcke. In dieser Region wird es nachts kalt, sie leben hoch auf dem Berg und sind wirklich dankbar für jede Hilfe. Die Eltern standen in Reih und Glied. Die Männer auf der einen Seite, die Frauen auf der anderen. Trotzdem dass sie öffentlich immer sehr auf Distanz sind, haben sie jede Menge Nachwuchs ;-) Alle trugen ihre schönen farbigen traditionellen Gewänder und Kutten.
Ein Schuljahr an dieser Schule kostet 2500 CFA (= 6 CHF). Ein PTA-Lehrer verdient 15 000 CFA (=35 CHF) und ein Government Lehrer 75 000 CFA (175 CHF). Die Kinder gehen teilweise täglich bis zu 3 Kilometer in diese Schule. Die Schule beginnt um 8 Uhr morgens und geht bis 14 Uhr in den tieferen Klassen oder 16 Uhr in den höheren Klassen. Viele dieser Bororo-Kinder haben noch nie Weisse gesehen und sahen uns mit grossen Augen an. Sie wohnen in ihrer eigenen Welt und besitzen nicht viel. Ihre Eltern haben Viehherden. In Kamerun haben ausschliesslich Moslems Viehherden. Mir wurde gesagt, einen Kuhzaun zu ziehen und für die Kühe zu schauen sei zu viel Arbeit. Der Zaun gehe in der Regenzeit zu schnell kaputt. So leben die Moslems vom Verkauf ihres Viehs auf dem Markt. Sie ziehen teilweise tagelang mit ihren Herden durch den Busch. Voma Titus Tafoang ist der Headmaster der Schule und Winifred Lekanga eine der Lehrerinnen. Der Headmaster geht jeden Tag zu Fuss nach Bali zurück. Winifred bleibt unter der Woche in der Schule und geht nur am Wochenende zurück. Für die Schulkinder hat sie selber einen Globus gebastelt. Ein aufgeblasener Luftballon, mit Kleister überzogen und angemalt dient als Anschauungsmaterial.

Foto mit einem der Dorfältesten. Schulkind in Banjah. Der Globus im Schulzimmer ist selbst gebastelt aus einem Luftballon und Kleister. Endlich frisches Wasser aus den gespendeten Wassersäcken.
Die Väter der Schulkinder bedankten sich auf ihre Weise für unseren Besuch und liessen uns auf ihrem prächtig geschmückten Pferd reiten. Das Pferd sah aus wie aus einem Märchen von „Tausend und einer Nacht“ mit farbigen Decken und wunderschönen Verzierungen. Er führte uns vor, wie er sein Pferd zum „Männchen machen“ bringt und führte mich danach ein paar Runden damit herum. Normalerweise werde seine Stute nur von Männern geritten, erklärte er mir. Deshalb lief er vorsichtshalber neben mir her.

So wohnen die Menschen in Banjah. Die Frauen tragen wunderschöne farbige Kleider und betrachten neugierig den Besuch aus der Fremde.
Die Schulkinder sangen und tanzten für uns unter der brennenden Sonne und wollten gar nicht mehr aufhören. Zwei Jungs gaben den Ton an. Einer war eine Art Vorsänger und ein anderer trommelte. Alle restlichen Kinder sangen mit. Der Gesang war einzigartig und traditionell. Nachdem wir alle Klassen besucht hatten und viele Fotos geknipst hatten, verabschiedeten wir uns vom Volk und die Kinder gingen noch eine Weile mit uns mit. Schon mutiger geworden trauten sie sich jetzt auch, uns an den Händen anzufassen. Sie winkten uns noch lange nach und dieser Besuch wird in spezieller Erinnerung bleiben.

Klassenfoto in Banjah. Der «Pferdeflüsterer» gibt uns eine Vorführung und lässt uns reiten. Der Abstieg zu Fuss zum Auto zurück führt uns durch die Einsamkeit der Berge.
So gingen wir zu Fuss wieder den Berg hinunter zu unserem Auto. Nur das Echo des Jodelns war in dieser einsamen Umgebung zu hören. Einer der Väter war uns noch gefolgt und so hatte er das Glück, dass wir ihn später mit im Auto bis nach Bali nahmen. Ansonsten wäre er den ganzen Weg zu Fuss gegangen (etwa zusätzliche 10 Kilometer).
Zurück in Bali erwartete uns schon Charles. Mit ihm fuhren wir nach Enwen, wo wir mitgeholfen haben, eine Schule zu finanzieren. Die Holperpiste brachte uns in etwa 1 ½ Stunden dorthin. Ebenfalls aus Enwen kommt das Kalenderkind vom September. Sie heisst Praises Teburk Ariong. Leider war nur ihr Bruder anwesend, er geht dort zur Schule. Seine Eltern sind mit seiner Schwester nach Loum gereist, wo sie eine Farm bewirtschaften. Wann sie wiederkommen, wusste er nicht. Praises ist inzwischen etwa 2 Jahre alt. Die Familie hat 3 Kinder. Sobald die Familie zurück ist, erhalten sie den Kalender und das Schulgeld.
In Enwen gehen 450 Kinder zur Schule (260 Mädchen und 190 Jungen). 8 Lehrer unterrichten die Kinder. Das Schulgeld beträgt 2500 CFA (= 6 CHF), ein PTA verdient 25 000 CFA (= 60 CHF) und ein Government Lehrer 180 000 CFA (=430 CHF). Wir waren überrascht über das hohe Salär der Government Teacher. Nirgendwo sonst hatten wir diese Summe gehört. Als wir uns ohne weitere Spenden verabschiedeten, fragte uns ein Lehrer, ob wir ihnen nichts geben würden. Unser Antwort war klar und einfach: hier hilft bereits eine deutsche NGO und es macht keinen Sinn, wenn an einem Ort zwei NGOs helfen. Enwen wird von uns deswegen nicht mehr weiter gesponsert. Und wenn hier ein Lehrer des Staats ein solches Gehalt verdient, muss man sich auch überlegen, ob nicht das Problem anderswo gesucht werden muss.

Die Schulkinder aus Enwen. Die zwei neu erbauten Klassenzimmer.
Als Erfrischung danach gab es in unserem Gästehaus Papaya und Ananas. Die Reise ging weiter nach Bamenda, wo wir uns mit dem Kameruner Daniel trafen. Wir hatten ihn im Flieger nach Kamerun kennen gelernt und er wohnt in der Schweiz. So versteht er Schweizerdeutsch bestens und spricht es auch ziemlich fliessend. So wurde es eine gemütliche Runde, in der in allen möglichen Sprachen gesprochen wurden. Und ausnahmsweise einmal sprach an unserem Tisch die Mehrzahl Schweizerdeutsch. Wir tranken gemeinsam etwas und unterhielten uns über Gott und die Welt. In Bamenda war wie immer viel los. Fliegende Händler versuchten alles Mögliche an den Mann/die Frau zu bringen. Von Tischtücher über Toilettenpapier bis hin zu leeren CD-Spindeln (für uns eher Abfall). Der Fleischhändler schnitt ewig lange seine Stücke in dünne Streifen. Falls er sich schneiden würde, wird das Messer weggeworfen. Ein Unfall mit dem Messer ist ein schlechtes Omen und wenn er das Messer verschenkt, heilt seine Narbe nicht. Der Gang zur Toilette war einmal mehr ein Abenteuer. Der Barkeeper konnte nicht helfen und schickte mich zur Servierdame. Diese wollte zuerst genau wissen, welche Art von Toilette ich zu erledigen hätte. Nachdem dies dann geklärt war, holte sie einen Schlüssel und ging mit mir in den Hinterhof. Auf dem Weg entschuldigte sie sich, wir seien hier halt in Afrika und ich gab ihr zu verstehen, dass es kein Problem sei, wir seien uns schon einiges gewohnt. Dies sei ihre persönliche Toilette, sagte sie beim Öffnen einer schmalen Holztüre. Dahinter verbarg sich einmal mehr ein kleines Loch. Doch ich war zufrieden; das passte so tiptop. Die vorherigen Orte hatten höchstens ein paar löchrige zusammengestellte Wellbleche gehabt. Und darum herum wurde gekocht, gespielt oder neugierig geschaut…
Daniel war nur für eine Woche hierhergekommen, weil seine Grossmutter gestorben war. Wie es die Tradition will, gibt es ein riesiges Fest. Er lud uns zu sich nach Hause ein, wo schon alles für den nächsten Tag organisiert wurde. Das Haus war dekoriert worden, die Bahre für den Sarg aufgestellt und die Frauen standen in der Küche und kochten Unmengen an Speisen. Vor dem Haus waren hunderte von Stühlen aufgereiht. Das Stühle vermieten ist ein eigenes Business. So kostet ein Stuhl 100 CFA (25 Rappen). Das Fest werde am Abend beginnen. Die ganze Nacht über wird gefeiert und getanzt und am Morgen wird der Leichnam für zwei bis drei Stunden zurück ins Haus gebracht. Alle Gäste verabschieden sich dann von der Toten und sie wird bestattet.

Spendenübergabe im Spital von Bali Nyonga. Schwester Veronica (die neue Leiterin im Spital), Schwester Anna und die Schulleiterin Schwester Zita freuen sich riesig.
Zurück in Bali erwartete uns einmal mehr ein feines Abendessen im Konvent. Dieses Mal mit Spaghetti, die extra für uns zubereitet worden waren. Wir deponierten vor der Reise in den Norden noch unsere Spende fürs Spital und die Schule und verabschiedeten uns danach bald. Der Tag war einmal mehr heiss und anstrengend gewesen. Wie schon so oft fiel auch an diesem Abend der Strom aus…