Mayo Darle
07.04.2009
Schon früh am Morgen wurden wir wieder mit feinen Speisen im Spital von den Schwestern verköstigt. Wir brachten ihnen den einen Koffer mit, den wir mit dem Fluggepäck transportiert haben. Im Koffer waren unter anderem das von ihnen gewünschte Stethoskop in zweifacher Ausführung sowie drei Abbindschnüre, welche wir gespendet erhalten haben. In diesem Koffer waren ebenfalls diverse Wundsets mit Pinzetten und Verbänden sowie einige Moskitonetze. Danach machten wir uns auf den Weg in den anderen Teil des Spitals, wo die Hilfsgüter für das Spital hingebracht worden waren. Auf dem Weg sahen wir noch das Kinderfahrrad, sie freuten sich riesig über das fast wie neu aussehendes Fahrrad für ihre Kinder in der Schule. Auf dem Hinweg demonstrierte uns Schwester Fabiola noch den neuen Ziehbrunnen, woraus sie von Hand Wasser für die Gartenpflanzen holen können. Nur mit einer Schnur und einem löchrigen Kübel wird solange Wasser hochgezogen, bis es genug für alle Pflanzen hat.

Unsere Hilfsgüter für’s Spital kommen endlich am Ziel an. Auf den Fotos: Kreiden für die Schule, Moskitonetze und Wundversorgungssets. Sr. Evelyne und Sr. Bernarda freuen sich riesig über die neue Untersuchungsliege.
Im Untersuchungsteil des Spitals instruierten wir die Schwestern als erstes in das tolle gespendete zusammenklappbare Bett (vielen Dank, Katrin!!!). Wir öffneten es und zeigten, wie es zu handhaben ist. Wie immer waren die Schwestern zu Scherzen aufgelegt und eine davon legte sich probehalber gleich auf das neue Bett. Sogleich wurde das alte Bett aus einem einfachen Holzbrett aus dem Untersuchungszimmer verbannt, um das neue in Gebrauch zu nehmen. Sie freuten sich riesig darüber. Auch die Rollstühle und die Gehhilfen aus einem Altersheim in der Schweiz stiessen auf Freudenausbrüche und wir prüften nochmals, ob alles komplett ist und richtig zusammengebaut werden kann. Ungefähr 16 Paar Krücken fanden hier ebenso ein neues Zuhause und werden bestimmt jahrelang noch im Einsatz sein. Draussen am Boden auf einem Teppich sassen zwei ältere Männer. Einer davon rasierte den anderen mit einem blanken Messer. Es herrschte wie jeden Tag Grossandrang im Spital und Schwester Evelyn hatte fast keine Zeit, sich unsere vielen mitgebrachten Sachen in Ruhe anzuschauen. Immer und überall wurde ihr Typ verlangt. Auch der junge Bursche vom Tag zuvor war mittlerweile mit dem Mofataxi zum Spital gekommen und wollte seine Hand zur Untersuchung zeigen. Sogleich wurde seine Hand zur Desinfektion gebadet. Im gleichen Raum sahen wir die ausgewaschenen Einweghandschuhe und freuten uns darüber, dass dies jetzt bald ein Ende haben wird, da wir tausende Handschuhe spenden durften.

Ärzte und Schwestern freuen sich über die mitgebrachten Rollstühle, Gehhilfen und Krücken. Sr. Evelyn an ihrem Arbeitsplatz, wie immer mit einem Lächeln auf den Lippen, trotz härtesten Bedingungen.
Natürlich gehen die Patienten vor uns wir nutzen die Zeit, um uns ein wenig im Spital umzusehen und einen weiteren Einblick in den Alltag zu erhalten. In allen Zimmern lagen Patienten und mit ihnen diverse Familienangehörige, die Essen brachten oder für die Pflege zuständig waren. Wie jedes Mal wussten wir nicht, wer Patient ist und wer Besucher ist. Unter anderem hatte es auch einige junge Mädchen ungefähr im Teenager-Alter, die so schüchtern waren, dass sie kaum den Mut hatten, uns anzuschauen. Die jungen Moslem-Mädchen werden hier bereits von Geburt an einem Mann versprochen und werden dann als Teenager verheiratet. Diverse Frauen sind so zwar anwesend, scheinen jedoch nur zu «funktionieren» und nicht als eigenständige Personen wahrgenommen zu werden. Selbst als wir dem jungen Mädchen ein Portemonnaie schenken wollten, zeigte es keine Regung. Es nahm es nicht an. Das Gesicht blieb ohne jegliche Regung. Was sich wohl in diesen Köpfen abspielt? Wunderschöne Gesichter und tiefe Traurigkeit, die mehr oder weniger regungslos da sitzen, ohne jegliche soziale Kompetenz. Oft werden sie auch in ihren Hütten oder hinter den hohen Bastmatten versteckt. Uns taten sie leid. Glücklicherweise sind nicht alle Moslem-Frauen so. Einmal mehr waren wir erschrocken über das Wirrwarr, das in diesen Zimmern herrscht. Töpfe mit Nahrung, Getränke, Flaschen oder Plastiksäcke lagen wild durcheinander ums Bett. Ein sehr alt ausschauender Moslem-Mann wartete auf seine Konsultation bei den Ärzten. Beim näheren Beobachten fielen mir seine Hände auf. Die Fingerkuppen waren etwa doppelt so dick wie die Finger, die Fingernägel zeigten schon gar nicht mehr die Form eines Nagels an. Wir durften alle Patienten und Angehörigen mit kleinen Geschenken aus Schweizer Spenden versorgen. Die Kinder erhielten nebst Plüschtieren noch eine neue Zahnbürste.

So schön und so verschlossen... Patientinnen im Spital von Mayo Darle. Gesichter, die Bände sprechen.
Danach verteilten wir auch den Kindern ums Spital herum Plüschtiere und Geschenke, was sich wie ein Lauffeuer im Dorf herumsprach. Die anspringende Kindermenge wollte gar nicht mehr enden. Um das Ganze irgendwie unter Kontrolle halten zu können, versuchten wir, den Kindern beizubringen, dass sie sich in zwei Kolonnen anstellen sollten. Ich weiss nicht mehr, wie lange wir dafür brauchten, doch eindeutig zu lange. Jedes wollte zuvorderst stehen, eine unkontrollierte immer grösser werdende Kinderschar hing an uns. Um doch irgendwie eine Kontrolle zu haben, wer schon etwas hat und wer nicht, versuchten wir das Unmögliche möglich zu machen und redeten so lange, bis es irgendwie halbwegs klappte. Nicht nur Sprachprobleme (die meisten Kinder hier sprechen weder Englisch noch Französisch, sondern Fulbe) erschwerten das Ganze. Während solcher Aktionen werden auch die Erwachsenen wieder zu Kindern und drängeln mit den Kindern mit oder stellen ihre kleinen Kinder zuvorderst hin, welche dann dort alleine stehen sollen und lauthals nach ihrer Mutter schreien. Schliesslich und endlich denken wir, hat es doch nach einiger Zeit irgendwie geklappt, doch wir waren ziemlich geschafft und hatten viel Zeit für etwas Ordnung verbraucht. Das war dann wieder ein Grund, nachts von hunderten schwarzen kleinen Händchen und grossen Augen zu träumen, die einem entgegen gestreckt werden. Wie auch immer, die strahlenden Kindergesichter entschädigten uns sofort und unsere Filmkamera kam zum vollen Einsatz, um den Spendern in der Schweiz die versprochenen Fotos mit nach Hause bringen zu können. Mit der Zeit lernten wir auch ein paar Wortfetzen wie «Grüezi / Sanu» oder «schau hin / lari», um uns in Fulbe mit den Menschen hier zu unterhalten.

Auf dem Spitalgelände von Mayo Darle. Patienten vor ihren Zimmern. Einblick in ein Patienten-Zimmer.
Nach dieser «Zeremonie» mussten wir uns erst im Dorfrestaurant ausruhen, wo wir sogleich altbekannte Gesichter vom Januar trafen. Auch die Mutter der frisch operierten Zwillinge kam angelaufen und setzte sich zu uns, sowohl ihr (März-Kalender-)Kind Zouleatu sowie zwei weitere Kinder von ihr. Leider hatte sie die vergangenen drei Monate die gratis Vitamin-Impfung für ihren Jüngsten noch immer nicht gemacht, was wir ihr noch einmal einbläuten. Schliesslich soll der Kleine nicht das gleiche Beinproblem bekommen wie seine zwei älteren Zwillingsgeschwister. Die Mutter bestaunte unsere mitgebrachten Fotos ihrer restlichen Familie auf dem Fotoapparat, die jetzt etliche Kilometer von zu Hause weg sind, bis die Genesung genug weit fortgeschritten ist. Ein telefonischer Kontakt kann nicht oder nur sehr schlecht aufrecht erhalten werden, denn in Mayo Darle gibt es kein Netzwerk und noch keine Stromleitung. Gerüchten zu folge soll in den nächsten Wochen tatsächlich der Strom aufgeschalten werden, was uns sehr für das Dorf und vor allem für das Spital freut. Wir schlenderten noch ein wenig im Dorf herum und schauten den Menschen zu, wie sie ihre Kleider und Geschirr im Fluss waschen. Der grosse Müllhaufen am Flussrand störte ausser uns leider niemanden.

Die strahlenden Gesichter der Kinder belohnen uns für die Arbeit während des ganzen Jahres. Altes Spielzeug trifft neues Spielzeug. Kinder bringen Speisen für ihre Eltern im Spital.
Im Restaurant sass der Dior (Dorfchef) mit einigen anscheinend ebenfalls ranghöheren Personen von Mayo Darle. Der Dior hatte uns das Jahr zuvor einige Nerven gekostet, als er uns bei einer Dorfbesichtigung anhielt und fragte, ob wir die Bewilligung zum Fotografieren eingeholt hätten. Wir müssten uns hier anmelden. Danach hatte er knapp 20 Minuten unsere Passports unter die Lupe genommen (auch wenn verkehrt herum in den Händen) und uns wieder gehen lassen. Dieses Mal zeigte er sich freundlicher. Wir erklärten ihm, dass wir eine Non-Profit-Organisation haben und nebst Hilfe für das Spital auch die Operation der Zwillinge finanziert hätten. Er und seine Kollegen am Tisch waren erstaunt, als wir ihm die Bilder auf dem Fotoapparat zeigten, dass so etwas überhaupt möglich ist. Und schlussendlich zeigten sie sich uns gegenüber voller Hochachtung und die vorangegangenen Probleme schienen aus der Welt geschaffen.

Bilder der Verteilung in Mayo Darle: Zahnbürsten und Plüschtiere finden glückliche Abnehmer.

Was er wohl denkt? Der Alltag dieser Moslem-Frauen ist ganz und gar nicht einfach. Heute dürfen auch sie sich freuen.
Wir kraxelten den Berg hoch und genossen die Aussicht über das ganze Dorf mit diversen Wellblech- und Strohdächern. Dort oben fanden wir sogar Handynetz, um den zu Hause gebliebenen ein paar Lebenszeichen zu senden. Die Sicht war wunderbar, wir sahen bis nach Nigeria weit über alle Berge und Hügel. Der kurze Aufstieg hatte sich trotz Hitze gelohnt. Beim Auf-/Abstieg gingen wir vorbei an kleinen Gräbern der Moslems, welche ihre Angehörigen nicht in einem Sarg begraben, sondern einfach ohne «Hülle» oder Kreuz unter der Erde. Der Erdhügel wird wohl bald mit Gras überwachsen sein.

Geschirr waschen und Baden im Fluss von Mayo Darle. Wohnen in Mayo Darle. Soja: ein kamerunischer Fleischspiess, wobei dünne Stückchen auf dem Grill am Spiess gebraten und mit Zwiebeln serviert werden.
Danach fuhren wir zurück ins Spital, um mit Schwester Scolastica die mitgebrachten Spenden für die Schule anzuschauen. Sie strahlte einmal mehr übers ganze Gesicht über die wunderschönen Schulsäcke und die etlichen Schachteln mit Material für ihre Schule. Ordner, Gummibandmappen, Trinkflaschen, Rucksäcke, Taschen, Schuhe, Plüschtiere, Tücher und und und... stapelten sich bis zur Decke. Sie war glücklich, so hatte sie schon für alle Kinder ein Geschenk, wenn das Schuljahr im Dezember zu Ende geht. Leider waren derzeit Schulferien und wir konnten die Verteilung nicht live miterleben. Sie versprachen uns, Fotos für uns zu machen. Im Schulzimmer der Kleineren waren fein aufgereiht ein paar Plüschtiere von uns vom letzten Mal. Vier grosse Wandtafeln wurden ebenfalls gespendet und fanden hier einen neuen Platz. Bis jetzt waren keine echten Wandtafeln verwendet worden, sondern nur schwarz angemalte Bretter.

Scolastica vor den Spenden für ihre Schulkinder. Diverses Material soll den Alltag der Schule vereinfachen. Nagelneue Schuhe für die Kinder.
Nach der Schulmaterial-Besichtigung versuchten wir unser Glück nochmals im Spital, um alles zu erklären. Zwei Schwestern und der Arzt hatten für uns ein paar Minuten Zeit. Bandagen, Gipsmaterial, Einweg-Handschuhe, Spritzen, Kanülen, zwei Babywaagen, Pflaster, Desinfektionsmittel, ein Trennwand-Vorhang, Vitaminpräparate, ein Blutdruckmessgerät, Wundtücher, Frottetücher, Armschlingen, Verbände... unzählige Kisten voller Hilfsmittel für den Spital lösten Freudentänze und Schreie aus, die wir hoffentlich unseren Spendern entsprechend als Dankeschön weitergeben können.

Wir freuen uns mit den Schwestern, wie viel wir hier abgeben durften. Der Pfarrer ist jetzt stolzer Besitzer von Schuhen aus der Schweiz. Gipsmaterial und Stützen fürs Spital. Unzählige gespendeter Einweghandschuhe.

Instruktionen über die mitgebrachten Hilfsgüter. Desinfektionsmittel und Blutdruckmessgeräte. Die Babywaage löst Freudenschreie aus!

Die Wandtafel hat Einzug ins Schulzimmer. Blick ins Schulzimmer. Spielzeug aus Spenden im Kindergarten.

Grobüberblick über die Verbrauchsmaterial-Spenden fürs Spital Mayo Darle. Am Abend gibt’s noch weitere glückliche Gesichter, als wir Fischruten spenden dürfen.
Am Abend durften wir noch zwei Fischer mit neuen Fischruten beglücken, die hoffentlich damit ihre Familien sowie viele weitere Dorfbewohner mit Fischfang beglücken können. Die Hightechgeräte aus der Schweiz lösten erstaunte Gesichter aus und benötigten einige Instruktionen. Danach hiess es Abendessen im Konvent. Nebenan hatten die drei jungen Küchenhilfen schon Stunden vorher mit der Zubereitung der Mahlzeiten begonnen. Wie immer wurden wir zu sehr verwöhnt. Sogar eine kleine Tanzeinlage mit Champagner und frisch gebackenem Kuchen wurde uns zu Ehren gebracht, wir waren gerührt. Gemeinsam mit allen Schwestern und dem jungen Pfarrer hatten wir einen gemütlichen Abend. Ein weiteres Mal durften wir einen grossen Betrag dank Schweizer Spendengeldern dem Spital zur Verfügung überlassen. Wir möchten uns ganz herzlichen bei allen bedanken, die dies ermöglicht haben. Den krönenden Abschluss bildeten drei Wunschlaternen, die wir mitgebracht hatten. Keiner der hier Anwesenden hatte dies jemals zuvor gesehen. Wir beschlossen, die Laternen im Spitalareal hochsteigen zu lassen, damit auch die Patienten und Angehörigen etwas davon hatten. Der Vollmond beleuchtete uns von oben und die Schwestern wurden als Laternenhalter eingespannt. Schon bald stiegen alle drei Wunschlaternen mit unseren guten Wünschen in den Himmel hoch, begleitet mit Freudenschreien und grosser Erstaunung. Ein paar Moslemfrauen hatten auch etwas Angst von diesen unbekannten Flugobjekten und stellten kritische Fragen. Wird dies brennend von oben wieder herabkommen? Kommt dies wieder hinunter? Wie hoch geht es, geht es bis zum Mond hoch? In Anbetracht der Lebens- und Bildungsweise in dieser Region können wir diese Fragen verstehen und beruhigten alle Anwesenden. Am nächsten Tag hörten wir, dass eine Person verstorben war und im Spital erzählt wurde, dass deren Seele gestern Nacht mit Licht in den Himmel getragen wurde...