Bali Nyonga
6.1.2010
An diesem Morgen war der Besuch der katholischen Schule Bali Nyonga angesagt. Diese rund 300 Kinder hatten an Ostern alle einen Schulsack von uns erhalten. Das Spendengeld der Schulhefte reichte auch aus, um hier alle Kinder glücklich zu machen. Als wir nach dem Frühstück auf das Schulgelände kamen, waren die Kinder bereits in Reih und Glied aufgestellt. Die Hefter waren durch die Lehrer verteilt worden. Ein tolles Bild, so viele Kinder mit Schulsäcken und Heften in die Höhe haltend. Sie sangen und tanzten für uns und bedankten sich mit riesiger Freude. Dank weiteren Spendern konnten wir etliche Stifte, Radiergummis, Lineale, Füller mit Tinte und Mäppli abgeben. Und als Krönung hatten wir ein riesiges 2 Meter grosses Bild aller Kinder und uns vom letzten Besuch an Ostern mitgebracht. Die vielen Fotos und der Videofilm werden uns das schöne Erlebnis noch lange in Erinnerung behalten und unseren Spendern hoffentlich genauso viel Freude bereiten. Nach dem „Fototermin“ fasste ein Kind den Mut, uns anzufassen und danach ging der Ansturm los, dass jedes Kind unbedingt unsere Hand schütteln wollte und sich persönlich bedankte. Es wollte gar kein Ende mehr nehmen. Viele strahlende Kinderaugen um uns herum.
Danach beluden wir unser Fahrzeug mit weiteren Schulsäcken und lieferten eine Ladung für die Kinder der Schule des Fons ab. Die Schule heisst Alpha Bilingual Nursery and Primary School und hat 170 Kinder. Auch hier wurden wir bereits empfangen und die Kinder standen vor der Schule. Alle trugen ihren neuen Schulsack und freuten sich riesig. Stellvertretend für den Fon (König) war eine seiner Frauen anwesend. Sie bedankten sich für unsere Unterstützung, sangen und tanzten. Nach unserem Besuch war die Schule fertig und an allen Ecken und Enden von Bali liefen die Kinder stolz mit ihren Schulsäcken nach Hause. Die Eltern unterwegs, die ihre Kinder in Empfang nahmen, kamen uns entgegen und schüttelten mit riesiger Dankbarkeit unsere Hände. Auch alle Lehrer freuten sich mit den Kindern über diese schönen Geschenke.
Später besuchten wir Victorine, welche von unseren Spendern einen Rollstuhl erhalten hat. Victorine hat sozusagen keine Beine oder nur Beinstummel. Trotzdem ist sie immer voller Lebensfreude, auch wenn sie mehr oder weniger den ganzen Tag vor ihrer Hütte sitzt. Sie pflegt ihre alte Mutter und schaut zum behinderten Kind von Gregory. Victorine hatte sich für den Fototermin mit dem Rollstuhl richtig schick gemacht und sass stolz darin.
Danach durften wir drei Holzbearbeitungsmaschinen von der Schule Freienbach übergeben. Ein Schreiner namens Dio mit etwa 18 Lehrlingen war der Glückliche, der diese Maschinen erhielt. Als Dank arbeitet er nun für das Spital, wenn sie etwas brauchen. Die ganze Mannschaft freute sich riesig über diese tollen Maschinen.
In Bamenda machte ich einen Versuch ins Internet zu kommen. Die Leitung war unglaublich langsam und ich kam überhaupt nicht vom Fleck. So entschieden wir, in Bali ins Internet zu gehen. Nach dem ich 3/4 Stunden mehr oder weniger auf Verbindung gewartet hatte, brachen wir ab. 1 Stunde Internet kostet 300 CFA. Die Dame an der Kasse kam ins Schleudern, weil ich nur 3/4 Stunden gebraucht hatte. 400 CFA, sagte sie mir. Mein erstauntes Nachhaken liess sie nochmals länger nachrechnen und so kam sie dann auf die korrekte Summe.
Der Besuch in Bali im Internet wurde zur wahren Freude. Einmal mehr hatte ich in Bali eine richtig schnelle Verbindung (sprich: zwischen 11 und 54 MBit/s) und konnte viele neue Fotos und Texte nach Hause schicken. Eric aus dem Internetkaffee hat seinen Job wirklich im Griff. Er hat leider nur ein paar alte PCs zur Verfügung, doch er beherrscht die Technik. So machte er es mir möglich, dass ich per Wireless surfen kann und dafür noch nicht einmal mehr zu ihm ins Kaffee muss. Wir wurden schnell Freunde und verlinkten uns im Facebook. Er ist ein echter Freak und kann sich sicherlich über neue PCs und Monitore aus dem nächsten Container freuen. Eric gibt auch Computerkurse und gemeinsam mit ihm versuchen wir Schulkids kostenlosen Zugriff zur neuen Technik möglich zu machen. Er hat bereits die passenden Räumlichkeiten, die Diebstahlsicher sind. Vorerst konnten wir Hubs, Mäuse, Tastaturen und Modemkabel verschenken.
Das von mir aus der Schweiz nach Kamerun transportierte Akkordeon hatte die Reise mehr oder weniger unbeschadet überstanden. Die Scharniere am Koffer waren ein wenig rostig geworden und drei Knöpfe waren abgefallen. Das Leder hat trotz Schutz im Koffer auch ein wenig gelitten. Der Schuhmacher um die Ecke konnte mir helfen und reparierte die Knöpfe in Windeseile mit einem starken Kleber. So konnte ich schon bald zum ersten Mal Heimatmusik dudeln. Wir sassen draussen im Restaurant bei Doris und hatten den Koffer mit dabei. Gregory machte sich einen Spass daraus, dass dies ein geheimer „Wunderkoffer“ sei und nun daraus eine riesige Schlange kommen würde. Im Restaurant waren noch weitere Anwesende. Ein paar gestandene Männer standen in Windeseile von ihren Stühlen auf und brachten sich in Sicherheit. Wir kreischten vor Spass und spielten die Angst vor dem Koffer mit. Tataaa.... und offen war er. Bald schon johlten und musizierten wir in gemütlicher Runde Lieder aus unserer Heimat. Die Kameruner konnten gar nicht genug davon bekommen und wollten immer und immer wieder das gleiche Lied hören, das sie seit letzten Weihnachten schon auswendig mitjodeln können.
Da ich das Lied auch auf meinem Handy hatte, versuchten wir es per Bluetooth zu übertragen. Sie wussten zwar, dass sie Bluetooth haben, aber nicht, wo konfigurieren. So half ich ihnen dabei. Das war für sie schon fast ein Wunder, wenn man wusste, wo konfigurieren. Die erste Hürde war überstanden. Die zweite Hürde war, dass sie zu wenig Platz auf ihren Handys hatten. So löschten sie ohne Reue komplett alle ihre weiteren Klingeltöne und Fotos auf der Speicherkarte, um Platz zu schaffen... um später festzustellen, dass ihr Handy noch immer zu wenig Platz dafür hat. Ashia! Für sie war das kein Problem. Nach getaner Arbeit legten wir uns einmal mehr früh schlafen.
Noch bis spät in die Nacht hörten wir vom Dorfplatz Musik und laute Reden. Schon lange vorher waren im ganzen Dorf Plakate aufgehängt worden: «Reagiere jetzt, bevor es zu spät ist», lautete die Botschaft. Eine Sektenkirche suchte neue Anhänger und fand diese leider auch in grosser Zahl. Die ahnungslosen Leute wurden mit kostenlosen Mahlzeiten angelockt und mit Reden «weichgekocht». 4 oder 5 Abende lang beherrschten sie die Dorfmitte…
7.1.2010
Auf dem Weg zum Frühstück in unserem Auto sahen wir einmal mehr diverse Schulkinder mit ihren Schulsäcken zur Schule eilen. Wir luden ein paar auf unser Auto und sie johlten vor Freude. Nach dem Frühstück fuhren wir zu einem weiteren Schreiner, deren Arbeiter sich über neues Werkzeug freuen durften. Danach beluden wir das Auto und fuhren zur Primary School Tikali, welche 711 Kinder zählt. Dank unserer letzten Spende von Ostern hat die Schule inzwischen eine Nursery School eröffnen können (Vorschul-/Kindergarten). Nun tummeln nebst den vielen Primarschülern also auch noch weitere 17 3-4 Jährige auf dem Schulgelände herum. Und es werden immer mehr werden, je länger es sich herumspricht, dass die PS Tikali eine Nursery hat. Voller Stolz hatten sie ein Plakat aufgehängt, auf dem stand, dass sie ihre Nursery dank Ashia Cameroon eröffnen konnten. Was für eine schöne Geste. Im Kindergarten hat es ein grosses Bett, kleine Tische und Stühle, eine Wandtafel, ein paar erklärende Bilder und ein paar Trinktassen. Die Winzlinge spielten «Reise nach Jerusalem». Einige von ihnen liefen ein paar Meter weiter, um eine Pinkelpause einzulegen. Es gibt keine Toiletten. Nur ein paar Schilfstängel zu einer Bastmatte geflochten oder ein paar Bleche zum Sichtschutz für die grösseren Kinder stehen zur Verfügung. Die Knirpse machten alle in der Gruppe auf den Boden neben dem Gebäude.
Die ganze Schule war in Aufregung. In den überfüllten Klassenzimmern wurde unsere Ankunft umgehend gesichtet und ein Raunen und Johlen erfüllte das Schulgelände. In den Zimmern sind teilweise bis 170 Kinder und nur zwei Lehrer. So sitzen meistens 4 Kinder auf einer Holzbank, eng an eng gedrängt. Stellt der Lehrer eine Frage, strecken unzählige Kinderhände hoch und alle wollen antworten. Es bleibt keine Zeit, auf jedes Kind einzeln einzugehen. Die Schule hat für die 711 Kinder insgesamt nur 14 Lehrer! Und da die Schule so beliebt ist, werden es täglich mehr. Im Gegensatz zur Government Schule ist diese Schule oder auch die katholische Schule mit besser ausgebildeten Lehrern ausgestattet. Nur leider verdienen diese Lehrer weniger. Die Government-Schule steht unter der Leitung der Regierung. Die Löhne sind höher, dafür kann der Lehrer auch mal zwei Tage fehlen, weil er gerade etwas Wichtigeres vor hat, wurde uns gesagt. Was überall gleich ist: die Schule mag zwar um 7.30 Uhr starten, die Kinder kommen dann einfach nach und nach. Mit der Zeitgenauigkeit nimmt man es hier nicht so streng. Ist es draussen kälter, heisst es schon mal, ach ja, die Kinder kommen heute später, weil es so kalt ist. So 1 bis 2 Stunden später ist die Klasse dann einigermassen besammelt. Ausser den Kindern, die gerade auf der Farm helfen müssen oder sonst wo mit anpacken müssen. Dafür gehen sie dann vielleicht am Nachmittag auch nicht ganz pünktlich nach Hause.
Schulkinder werden in Kamerun oft auch zum Hausbau eingespannt. So gräbt die ganze Klasse in der Erde und formt Erdblocks mit Dreck und Wasser. Oder sie transportieren die Blocks von A nach B. So verdient die Klasse ein paar Franken dazu.
Wir luden unsere Hilfsgüter (Schulhefte, Schulsäcke, Schreibpapier, Spielzeug und Plüschtiere für die Nursery, Stifte und Füller) ab und schon bald kamen die Kinder wie Ameisen aus ihren Schulzimmern, um sich für die Dankespräsentation zu formieren. Die Schulhefte wurden verteilt und jedes der Kids wollte auf unsere Fotos. Wir waren inmitten hunderter Kinder und die Lehrer konnten ihre Schützlinge kaum mehr kontrollieren. So brauchten wir fast zwei Stunden, um die Gruppe für ein Gruppenfoto zu arrangieren. Ein paar Klassen hatten Lieder für uns einstudiert und sie sangen extra für Ashia Cameroon einen Song. Glücklicherweise hat unsere Videokamera und Unmengen Fotos alles für die daheimgebliebenen Spender aufgezeichnet. Es war echt unbeschreiblich. Alle sangen, tanzten, klatschten, drehten sich im Kreis oder spielten auf der Trommel. Der Höhepunkt für Lehrer, Kids und uns war das über 2 Meter grosse Foto vom letzten Besuch. Sie freuten sich wirklich unglaublich und jedes Kind wollte sich selber auf dem Foto suchen und zeigen.
Die Lehrer und leitenden Personen der Schule wollten sich gebührend bei uns bedanken, was wir für gar nicht nötig erachten. So hatten sie einmal mehr für uns reichlich Menüs gekocht und Getränke organisiert. Wir assen höflich ein paar Happen mit und tranken den Schnaps darüber. Als krönenden Abschluss hinterliessen wir dieser sympathischen Schule einmal mehr eine grosse Spende, damit sie weitere Projekte realisieren können.
Ein winziges Projekt zum Beispiel konnten wir im Lehrerzimmer gleich sichten. Der Headmaster hat keinen Globus und wollte den Kindern die Welt erklären. So hat er aus ein paar Bastgeflechten eine Kugel geformt und von Hand die Breitengrade und ein paar Notizen angebracht. Unglaublich aber wahr. Wie sollen diese Kinder Bildung erhalten, ohne die Mittel zu haben? Auch wenn wir wissen, dass hier sehr wenig zur Verfügung steht, sind wir immer wieder aufs Neue erstaunt. Jede mitgebrachte Spende wird von uns erklärt, weil auch die Erwachsenen es nicht kennen und noch nie gesehen haben. Woher auch. So zum Beispiel eine Tasche mit mehreren Fächern und einem verstellbaren Schulterband. Oder ein Schweizer Sackmesser. Oder ein Tintenfüller. Oder auf welche Seite herum wird der Schulsack angezogen? Auch die Lehrer sind hier überfordert. Für uns einfache verständliche Dinge werden hier zur kleinen Herausforderung. So brauchen wir oft länger als geplant, um die Güter korrekt abzugeben. Und wir freuen uns immer wieder über die erstaunten und dankbaren Augen der Empfänger.
Am Nachmittag fanden wir zur Überraschung nochmals ein Kalenderkind aus dem ersten Kalender 2009. Und zwar vom Titelfoto, welches im Jahr 2006 entstanden war. Der kleine Joel Ndansi (heute 8 Jahre) ist ganz in der Bildmitte, umrahmt von weiteren Burschen seines Alters. Joel konnte sich nicht mehr daran erinnern. Auch kannte er nicht alle weiteren Kinder auf dem Kalender. Doch er und sein Vater freuten sich über die Unterstützung für sein Schulgeld, das wir ihnen überreichen konnten. Joel geht heute in die 5. Klasse in Bali.
Auf dem Spitalgelände wurde an diesem Tag kostenlos Reis und Soya abgepackt in Einzelportionen verteilt. Natürlich dachten alle Empfänger automatisch, dass es von uns kommt. Alle Mütter mit Kindern zwischen 0-5 Jahren durften sich ein Paket abholen. Es wimmelte von Kindern und Müttern. Die Hilfsorganisation «Kids against hunger» hatten dies dem Spital verschenkt und die Schwestern verteilten es vor der Kirche. Wir fanden es eine gute Idee und hoffen, dass diese Organisation es auch im Norden Kameruns verteilt, wo die Hungersnot noch viel grösser ist.
Später fuhren wir mit Sr. Candida zu Jacqueline. Wir hatten von einer Spende aus der Schweiz gehört, dass jemand einem Baby in Kamerun helfen will. Jacqueline ist 27 Jahre alt und eine von vielen tragischen Fällen. Auf unserer Suche nach dem passenden Ort mussten wir leider von vielen Geschichten hören, die Hilfe gebrauchen könnten. Nichts desto trotz entschieden wir uns für diese Geschichte. Jacqueline hat vor 2 1 /2 Monaten das erste Kind, einen Jungen namens Ornel, geboren. Bei der Geburt hat es Komplikationen gegeben, so dass ein Kaiserschnitt notwendig wurde. Die OP war gut verlaufen und Jacqueline durfte bald nach der Geburt nach Hause. Einen Monat später dann traten plötzlich Lähmungserscheinungen auf. Nun ist fast die halbe Körperseite gelähmt, den Arm kann sie nicht mehr heben und das Gehen fällt ihr schwer, weil sie das rechte Bein nachziehen muss. Auch im Gesicht hat sie Mühe und zu allem Übel hatte sie eine OP im Gesicht, weil die halbe Gesichtshälfte mit schwerer schmerzenden Herpes befallen gewesen war.
Jacqueline kann den kleinen Ornel nicht füttern, weil ihr Körper keine Muttermilch produziert. Der Vater von ihr und ihre Mutter helfen nun bei der Babypflege mit. Babymilch ist in Kamerun etwas vom Teuersten, davon haben wir schon oft hören müssen. So kostet eine Dose mit 400 Gramm stolze 6 SFR. Dank der Hilfe aus der Schweiz konnten wir Jacqueline Geld für den Kauf von Milchpulver für Ornel für 3 Monate überreichen. Es schien, dass sie sich nach all diesen Schicksalsschlägen bereits selber aufgegeben hatte. Doch die Spende zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht. So stand sie sogar vom Sofa auf und bemühte sich, ein paar Schritte zu gehen. Ihre Mutter bedankte sich überschwänglich, ihr fiel ein Stein vom Herzen.
Der Nachhauseweg führte uns am Marktplatz vorbei. Sr. Candida wollte Fleisch fürs Abendessen einkaufen. Überall auf den Tischen lagen Fleischfetzen herum, am Boden stand noch ein halbe Kuhbein. Auch der Duft war ein wenig abstossend. Fliegen sassen oder flogen ums Fleisch herum. Und vor allem hatten wir es schon am Morgen dort liegen gesehen. Hier ist das normal. Sr. Candida kaufte ein Stück, packte es in die Plastiktüte und zum Abendessen stand es dann auf dem Tisch. An diesem Abend liessen wir das Fleisch aus und auch die Sauce am Fleisch wollte uns nicht so recht munden...
Dafür hinterliessen wir an diesem Abend eine riesige Geldspende bei den Sisters für ihre Schule und das Spital. Ihnen blieben die Münder offen. Dank der Spende von Ostern konnten sie den Dutyraum von oben bis unten mit Platten auslegen. Mit unserer neuen Spende werden sie ein Röntgengerät kaufen, damit sie nicht immer mit ihren Patienten bis nach Bamenda fahren müssen (etwa 30 km). Auch die gesegnete Kerze aus Einsiedeln freute die Schwestern von Bali sehr. Für den nächsten Tag waren weitere Spendenbesuche angesagt und so unternahmen wir nicht mehr weitere Wege sondern fuhren nach dem Abendessen zurück in den Compound.