Bali Nyonga
27.12.2009
An diesem Morgen statteten wir einen Kirchengang ab. Dazu bevorzugten wir die Messe der Presbyterien Kirche von Bali. In dieser Kirche wird jeweils während der Messe laut gesungen, getanzt, geklatscht oder ab und zu auch ein Spruch gemacht, wobei alle Kirchengänger lautstark lachen. So vergingen die zwei Stunden Messe im Flug. Die Messe fand in einem provisorischen Nebengebäude der Kirche statt, weil die Kirche derzeit renoviert wird. Im Durchzug sassen alle Kirchenbesucher. Durch die Löcher in der Decke und den Wänden flogen immer wieder Vögel, die ihre Nester in den Gemäuern erstellt haben. Am Anfang der Messe durften wir unsere Namen und die Herkunft in ein Buch schreiben. Später wurden wir in der Messe damit namentlich herzlich Willkommen geheissen. Von kleinen Babies bis ganz alten Menschen waren alle zur Messe gekommen. Unter anderem wurden auch Spendenverdankungen feierlich zelebriert, die der eine oder andere Kirchengänger übergeben hatte.
Danach planten wir zuerst anhand unserer 16-seitigen A3-Liste, wohin all unsere Hilfsgüter verteilt werden sollen. Dank Hilfe von Gregory fanden wir für alles den geeigneten Platz. Wertvolle Sachen sollen einen Platz erhalten, wo sich viele Menschen darüber freuen können. So zum Beispiel ein Fussball-Tor, welches im Dorf für alle zugänglich sein soll und über welches der Dior bestimmen darf und aufpassen muss. Schnell waren wir uns einig und konnten so schon bald in die Dorfmitte gehen, um am ersten Lela-Tag teilzunehmen.
Zu diesem traditionellen Fest, welches einmal jährlich stattfindet, strömten bereits etliche Menschen Richtung Palast. Nur einmal im Jahr verlässt der Fon (König) seine Räumlichkeiten und mischt sich unters Volk. Dieses Erntedank- und Jahresfest wird riesengross zelebriert und alle freuen sich schon Tage vorher darauf. Mit dem Einheimischen Ramon mischten wir uns unters Volk. Zuerst lösten wir die Freikarte, damit wir alle 4 Tage Fotos schiessen und filmen durften. Mit diesem „Eintritt“ durften wir ebenfalls in den Palast gehen und uns wurde erklärt, wie es von sich geht. Zuhinterst war der Thron, ein Sessel mit lauter Muscheln bestückt, ein weiterer wunderschön geschnitzter Holzhocker, Leopardenfelle, Elefanten-Stosszähne und ein riesiges Tiger-Bild und Krone schmücken den Eingang zum Raum des Fons. Die Türen waren alle mit Figuren und Tieren geschnitzt.
Einen Raum vorher waren Bilder von ehemaligen Fons abgebildet, nebenan warteten alle Prinzen auf den Auszug des Fons. Die Anwärter auf das Königs-Amt sieht man sonst ebenfalls nicht beieinander. Draussen im Hof hinter den Mauern sassen die Prinzessinnen und Mütter. Sie wurden traditionell vom Gefolge des Fons mit Essen versorgt. Natürlich trugen alle ihre farbigen Gewänder; schwarzer Stoff, auf dem bunte Wolle aufgestickt ist. Dazu der farbig gehäkelte Hut, meistens ein geschnitzter Stock oder Speer, manche trugen um den Hals eine Kette mit einem «Geheim» in einem Beutel. Die genaue Bedeutung ist uns unklar. Jedenfalls weiss man nicht, was genau drin ist.
So warteten wir im Innenhof, bis der Fon heraustrat, sein Gefolge grüsste (Bild oben rechts) und ein Angestellter uns dann nach ein paar Fotos mitteilte, wir sollten jetzt auch wieder hinaus gehen und auf den Auszug des Königs warten. So eilten wir voraus und warteten. Auf dem grossen Dorfplatz um einen alten Baum hatte sich das Volk versammelt. Ein Thron für den König stand auch draussen parat. Sein Gefolge eilte jeweils voraus und stellte den Holzhocker wieder hin. Unzählbar viele Knaben jeden Alters warteten ebenfalls beieinander. Der Fon kam aus seinem Palast, sein Gefolge trug immer den bordeaux-roten Sonnenschirm über ihm. Schon kurz nach seinem Auszug und einigen kleineren Begrüssungszeremonien rannten alle Jungs los in eine Richtung. Traditionell besucht der Fon am ersten Tag den Schrein, welcher etliche Kilometer weiter Richtung Bawok ist. Die Jungs rannten den ganzen Weg. Wir bevorzugten das Mofa und fuhren schnellstens in dieselbe Richtung. Schon kurze Zeit später kamen die schnellsten Jungs ebenfalls. Und als genug beisammen waren, begann ihre Arbeit, in dem sie ins meterhohe Gras hüpften und es nur mit herunterdrücken platt machten. Ohne Messer oder Werkzeug, nur durch hinein springen, durchrennen oder mit den Händen ausreissen glätteten die hunderten von Jungs die ganze riesige Wiese platt. Es war herrlich anzusehen. Riesige meterhohe Büsche wurden platt gedrückt. Schon bald sah man von weitem die anderen Menschen kommen. Voran der Fon unter seinem Sonnenschirm, dahinter sein Gefolge und das halbe Dorf. Bis sie am Schrein angekommen waren, war die Wiese parat und flach gedrückt. Als der Fon an uns vorbei schritt, mussten wir in die Knie gehen.
In der Wiese wurde seine Sitzgelegenheit aufgestellt. Sein Gefolge steckte die weissen Flaggen in die Wiese, zog die meisten Kleider aus und lief zum Fluss, um sich zu reinigen. Danach wurde dem Fon zu Ehren ein Schaf geopfert. Anscheinend waren früher tatsächlich Menschen geopfert worden… nur schon der Anblick des Schafs war ziemlich brutal. Es wurde an der Halsschlagader aufgeschlitzt und anschliessend in Stücke zerteilt. Die Stücke warfen sie in die Luft, und alle Jungs oder Burschen stürzten sich darauf. Fellteile, Innereien, Fleisch, alles war innert Sekunden oder Minuten verschwunden. Den genauen Ablauf der Zeremonie konnte ich nicht mitverfolgen, weil es zu unschön war… vor allem weil das arme Schaf noch ziemlich lang gelebt hat und flüchten wollte :-(
Danach marschierte der Fon und das ganze Gefolge sowie Fussvolk die Kilometer wieder zurück zum Palast. Wir passierten eine Brücke, auf der nur der Fon alleine darauf darüber gehen darf. Auf dem Nachhauseweg sind ebenfalls die Gehöfte der Grossmutter und der Mutter des Fons, wo er traditionellerweise anhielt und eine Ehrenrunde abhielt. Vor ihm liefen jeweils etliche Burschen mit halben Bäumen oder riesigen Ästen. Sie rannten die ganze Zeit vor und zurück, um sicher zu stellen, dass der Weg frei blieb. Dazu sangen sie traditionelle Kampfgesänge oder Lieder, die man nur an Lela hören kann. Einige der Lieder bedeuten Krieg und werden nur gebraucht, wenn wirklich etwas Dramatisches im Gange ist.
Der Abschluss der ungefähr 4 stündigen Zeremonie des ersten Tages bestand darin, dass auf dem grossen Dorfplatz geschossen und getanzt wurde. Verschiedene Formationen brachten dem Fon seine Ehrbietung, grüssten ihn und zelebrierten ihr Können vor ihm. Die Burschen hatten eine riesige Kanone gebastelt, welche gezündet wurde und einen riesigen Lärm und Gestank verursachte. Gegen Anbruch der Dunkelheit um etwa 18 Uhr war der offizielle Teil des ersten Lela-Tages abgeschlossen und alle löschten eiligst den Durst mit Bier. Schon am ersten Tag herrschte in einigen Beizchen Bier-Knappheit. Es wurde gebechert, was das Zeug hält. Nach einem Abendessen und Feierabendbier zogen wir uns bald müde auf unser Zimmer zurück und hörten die Festlichkeiten noch bis tief in die Nacht durch die Fenster dringen. Die Party der Einheimischen nahm kein Ende.
28.12.2009
Für diesen Morgen war Container-Räumung angesagt. Wir hatten noch keine Helfer organisiert, doch so etwas ist hier in Kamerun überhaupt kein Problem. Innert wenigen Minuten sind etliche starke Helfer vor Ort. Wenn sie Arbeit hätten, würden alle gerne etwas tun. Soviel steht fest. Auf dem Weg zum Frühstück im Konvent der Sisters riefen wir etwa 3 Männer, sie sollen um 8 Uhr zum Container kommen. Jeder soll noch diesen oder jenen mitbringen. So waren nach unserem Frühstück schon diverse Helfer parat. Wir grüssten im Spital noch ein paar bekannte Gesichter. Freude herrschte, als wir den von uns laminierten March-Anzeiger-Bericht von Ostern 2009 unter dem Patron der Sisters (Franziskus) aufgehängt fanden. Im Melderaum des Spitals konnte dank Hilfe durch Ashia der komplette Raum mit Platten ausgekleidet werden. Sie waren riesig stolz, uns dies zeigen zu können.
Danach eilten wir zum Container um die Ecke. Zuerst musste alles komplett ausgeräumt werden, um es zu sortieren und frisch hinein zu packen. Schulsäcke hierhin, Spitalhilfsgüter dorthin, Waisenhaus in die andere Ecke oder Material für den Norden in einen separaten abschliessbaren Raum. Trotz sengender Hitze kamen wir extrem schnell voran und waren somit schon nach rund 5 Stunden fixfertig. Im Laufe des Tages waren immer mehr Helfer dazugestossen. Es hatte sich herumgesprochen, dass man etwas zu Trinken offeriert bekommt oder vielleicht sogar etwas geschenkt bekommt, wenn man hilft. Gegen Schluss waren wir eigentlich schon viel zu viele Helfer, denn mit 31 Personen steht man sich schon fast nur noch auf den Füssen. Ein paar kamen auch zur Hilfe, die beim letzten Mal etwas geschenkt bekommen hatten und sich dafür revangieren wollten. Wie zum Beispiel Geraldine, welche ein Fahrrad erhalten hatte. Doch jede Hand konnte helfen und es mussten immerhin 650 Schulsäcke aus den Kartons gepackt werden und deren Inhalt aussortiert werden. Auch die immer grösser werdende Beige der leeren Kartons ist ein magisches Ding der Unmöglichkeit. Zuerst unüberschaubar riesig, nach einem «Startschuss» zum kostenlosen Abtransport im Nu verschwunden. Köstliche Bilder, man sieht nur noch «wandelnde» Kartons, wo man hinschaut, auf den Köpfen von Gross und Klein.
Unser Auto beluden wir ebenfalls gleich mit einer ersten Fuhr ins Waisenhaus God Shepherd. Kinder-Matratzen, Kleider, Spielzeug und Wand-Kletttafeln inklusive Zubehör fanden ein neues Zuhause. Die riesige 5 Meter lange Wandtafel transportierte ein einziger Mann mit seinem Mofa zur Schule PS Tikali. Ein ziemlicher Balance-Akt. Nachdem alles ordentlich eingeräumt oder an die entsprechenden Orte versandt worden war, düsten wir Richtung Waisenhaus. Wir hatten nur ganz kurz Zeit, um die Sachen abzugeben und wollten am Nachmittag wieder am Lela sein. Ein zweiter Besuch während unseres Aufenthaltes war eingeplant und wir luden deswegen nur kurz ab und begrüssten die Kinder sowie Schwester Jane. Sie freute sich riesig, uns wieder zu sehen. Die schönen Kinderkleider, welche wir an Ostern geschenkt hätten, hätten sie zu Weihnachten getragen. Die Kinder flüsterten einander zu: „das sind die, die uns das letzte Mal das Fahrrad gebracht haben“. Sie hatten uns ebenfalls in Erinnerung. Wie bei allen Besuchen wimmelte und wuselte es von (Klein-)Kindern in allen Ecken und auf allen möglichen Orten. Auch jetzt wieder waren rund 6 Neugeborene abgegeben worden. Die grösseren Kinder waren auf dem Feld an der Arbeit. Zurzeit sind noch Schulferien. Sie zeigten uns ihre Hühnerzucht. 1000 kleine Hühner, welche sie verkaufen oder deren Eier sie für sich behalten oder ebenfalls verkaufen, um Geld zu bekommen. «Dank» den Hühnern wimmelte es nur so von Fliegen :-/ Auch ums Haus herum war alles schwarz übersäht. Es ging übrigens auch keine 10 Sekunden, dass ich ein Baby in die Arme gedrückt bekam. Die Zeit war knapp. Wir versprachen, bald nochmals zu kommen und düsten zurück Richtung Bali.
Dort war schon die Hölle los. Alle jungen Burschen hatten sich als Krieger maskiert. Sie sahen aus wie Soldaten oder Kämpfer, mit Kriegsbemalung, Perücken, allen (un-)möglichen Kleidungsstücken, Tierfellen, Skeletten oder Knochen beschmückt, maskiert und mit Gewehren ausgestattet. Sie hatten Gras-Tarnhütten gebastelt oder fuhren mit ihren Kanonen umher. Schon Stunden vorher hatten sie auf das grosse Fest trainiert. Rund um den Dorfplatz sowie auf dem ganzen Weg vom Palast bis zum anderen Ende des Dorfes standen die Menschen und warteten auf den Fon. Frauen und Männer trugen ihre schönsten Gewänder. Es wimmelte von Menschen, noch viele mehr als am Tag zuvor. Wir reihten uns am Strassenrand ein. Schon kurze Zeit später kam erneut der Fon unter seinem Sonnenschirm mit seinem Gefolge. Dieses Mal war alles leise, als er vorbei schritt, und wiederum mussten sich alle vor ihm verbeugen. Danach folgen ihm die meisten Menschen Richtung Dorfende. Dies ist rund 2 Kilometer weiter am Ende des Marktes. Auf diesem Platz wurde sein Hocker platziert und vor ihm die Ehrerbietung abgehalten. Die Burschen oder Männer formierten sich und schossen hunderte oder gar tausende Male in die Luft. Je lauter, desto besser. Je mehr Rauch, desto eindrucksvoller. Der Boden war im Nu mit Patronen übersäht und keiner wollte es missen, dem Fon zu zeigen, wie stolz er auf ihn ist. Ein paar Burschen halfen uns bis in die vorderste Reihe, wo wir herrliche Fotos schiessen konnten und alles aus erster Nähe mit ansehen konnten. Man hatte teilweise wirklich das Gefühl, in einem Feuer des Krieges zu stehen.
Nachdem alle Gruppen geschossen hatten, liefen alle wiederum zum Palast zurück. Wir liefen mit rund 200 Meter Abstand vor dem Fon. Auch an diesem Tag wieder war vor dem Fon ein Gefolge, welches ständig vor- und zurück lief, um den Weg frei zu halten und dabei Kampflieder zu singen. Die Frauen an den Strassenrändern hatten sich ebenfalls gruppiert, gleich angezogen und sangen Lieder oder jubelten dem Fon zu. Es war ein tolles Gefühl, im Gewühl mit zu gehen und alles mit an zu sehen. Die Stimmung war genial, alle waren in bester Laune und man fühlte sich mitten drin und Willkommen. Wahrscheinlich gab es an diesem Tag niemanden, der zu Hause geblieben war. Das Dorf zählt doch stattliche 50 000 Menschen, haben wir heute erfahren. Kein Wunder, in den kleinen Hütten wohnen auch immer so viele Menschen. Auf dem Dorfplatz angekommen ging die Ballerei erneut los und wollte gar nicht mehr stoppen. Gesang, Darbietungen der Gruppierungen und ein wenig Tanz gewisser Formationen bildeten den offiziellen Abschluss. Gegen Anbruch der Dunkelheit fuhren die meisten Menschen nach Hause. In der Dorfmitte waren an diesem Tag sogar eine Live-Band sowie ein Boxkampf und es war richtig etwas los. Alle waren auf den Beinen. Und obwohl um 18 Uhr Schluss war, war noch lange nicht Schluss. Die Trinkerei und das gemütliche Beisammensein aller Bewohner dauerten noch tief bis in die Nacht. Wir klinkten uns früher aus. Keine Ahnung, wie diese Menschen es schaffen, 4 Tage lang durch zu feiern... Auf jeden Fall hatten wir etliche gute Fotos geknipst, die Videokamera ständig in Betrieb und waren müde geworden. Der nächste Morgen soll wieder zur Verteilung eingesetzt werden und so legten wir uns bald schlafen.