Bali Nyonga Mamfe (98 km)
10.1.2009
Am Morgen verabschiedeten wir uns in von den Schwestern in Bali, welche uns einmal mehr wunderbar zum Frühstück verpflegt hatten. Wir machten noch einige Erinnerungsfotos und sie gaben uns etliche Mitbringsel für Zuhause mit. Wir freuten uns mit ihnen, dass sie die ersten seien, welche die Ankunft unseres Containers mit eigenen Augen sehen werden und dass wir uns genauso freuen, sie alle bald wieder zu sehen. Den Kontakt können wir per Telefon und E-Mail aufrechterhalten.

Wenn wir Einweghandschuhe nach dem Auswaschen an der Wäscheleine sehen, wissen wir, dass hier dringend unsere Hilfsgüter gebraucht werden...
Danach starteten wir den Weg nach Mamfe. Schon kurz nach der Abfahrt merkten wir durch einen glücklichen Zufall, dass mit unseren Bremsen am Auto etwas nicht stimmt. So konnten wir nochmals die paar Kilometer zurück fahren, um in Bali die Reparatur vornehmen zu lassen. Wir waren wirklich glücklich darüber, auch wenn wir dadurch erst 2 Stunden verspätet losfahren konnten. Wäre es uns erst nachher aufgefallen, wären wir mitten im Nichts gewesen und eine Reparatur wohl kaum möglich gewesen. Es war Samstag und uns kamen einige Leute entgegen, welche gemeinsam an eine Beerdigung fuhren. Traditionsgemäss hatten sie alle dieselben Kleider an und an den Mofas oder Autos war eine Schwarzweiss-Kopie des Verstorbenen mit Namen angebracht worden. Das Wetter war richtig neblig, weil es in der Nacht zuvor einige Regentropfen gegeben hatte. Einmal mehr sahen wir Fahrzeuge, welche bei uns schon seit Jahren nicht mehr zugelassen wären. Die Pneus waren schon längst abgefahren, die Automarke war von Hand angemalt worden und alles war rostig und verbeult. Schon bald kamen wir an die erste Polizeikontrolle. Wir müssen uns jeweils ziemlich zusammenreissen, weil die Kontrollen hier eine todernste Angelegenheit sind. So sitzen zwei Männer in einem Holzbretterhüttchen und wenn man hinfährt, bewegen sie sich erst einmal lange nicht und man wartet vor der Nagellatte. Nach einer Weile dann bemüht sich einer auf und beginnt eine Musterung der Insassen im Fahrzeug sowie der Fahrzeugpapiere. Alles ohne viel zu Sprechen, sehr ernsthaft und meistens mit einer Waffe. Wir konnten einmal mehr ohne Ärger passieren.

Im Hintergrund: die Kirche von Bali-Nyonga, von Deutschen und Schweizern erbaut. // Tolle Landschaftsbilder auf dem Weg nach Mamfe. Palmen, soweit das Auge reicht...
In Widikum nahmen wir unsere erste Erfrischung und ein Essen zu uns, weil wir wussten, dass nachher lange keine Verpflegung mehr möglich wäre. Wir begrüssten den kleinen Jungen, welchem wir im Jahr zuvor zu einem neuen paar Schuhe verholfen hatten. Die Schuhe seien leider in der Zwischenzeit kaputt, teilte er uns mit. Nach dem kurzen Halt fuhren wir bald weiter, um nicht zu spät am Ziel anzukommen. Uns fiel auf, dass die Strasse viel besser war als im Jahr zuvor. Wir erfuhren, dass Kamerun mit China einen Vertrag gemacht hat, dass die Chinesen ihnen helfen, diese Strasse in Stand zu setzen. So sahen wir schon bald überall Chinesen und deren Arbeitslager sowie Maschinen. Wir fragten nach, warum denn die Kameruner diese Arbeit nicht selber erledigen, da sie so viele Arbeitslose haben. Die Frage schien berechtigt, denn neben dem Restaurant waren einige Männer gewesen, welche auf dem Weg an eine andere Baustelle waren, um zu demonstrieren, dass sie diese Arbeit selber erledigen wollen. Glücklicherweise seien es anscheinend nur etwa 20 Chinesen, die hier die Befehle und die Arbeit kontrollieren. Die zu reparierende Piste ist etliche Kilometer lang. Derzeit war schon weiträumig die Strecke verbreitert worden und der Buschwald daneben gerodet, um mehr Platz zu haben und verbreitern zu können. Übrigens verdient ein Arbeiter, der eine Strasse repariert oder Wasserrohre verlegt, 2000 CFA (4.75 CHF) pro Tag und arbeitet von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Dies unter brennender Sonne und in feuchtschwülem Klima. Dadurch, dass diese Strecke nun oft Chinesen passieren, wurden wir auch plötzlich zu «Shingshong» und nicht mehr zu «Whiteman». Die Kinder riefen uns etliche Male diese Bezeichnung nach. Ganze Völkerwanderungen waren im Buschwald unterwegs. Sie kamen vom Feld und alle trugen riesige Lasten auf dem Kopf oder am Rücken. Jedes Kind, das selber gehen kann, packt mit an oder trägt ansonsten ein Baby oder ein kleines Geschwisterchen mit aufs Feld. Mit Hunden wurde nach Ratten oder anderem Buschfleisch gejagt.

Die Kinder posieren fröhlich fürs Foto, obwohl sie täglich hart auf dem Feld mit anpacken müssen. // Das ganze Dorf besammelt sich, als wir Ondum aus unserem Kalender wieder finden.
Vor der Abfahrt war uns noch eingefallen, dass wir auf dieser Strecke das November-Mädchen fotografiert hatten. Doch wir erinnerten uns nicht mehr genau, wo es gewesen war. Die Dörfchen sehen alle so ähnlich aus, dass wir uns nur noch am grossen Stein auf dem Bild orientieren konnten. Und der Zufall wollte es einmal mehr, dass wir genau in dem Dorf anhielten und einen kleinen Jungen fragten, ob er das Mädchen kenne. Er sagte ja und rannte davon, um ihr zu rufen. Wir konnten es nicht glauben, dass wir sie so einfach gefunden haben. Das Mädchen heisst Ondum und ist 7 Jahre alt, sie geht in die 3. Primarschule. Ihre Eltern Judith und Evareistus wohnen mit ihrer Familie in Etinomba, einem kleinen Ort unterwegs. Im Nu war das halbe Dorf versammelt und es wimmelte von Kindern. Sie waren gerade am Hausblöcke herstellen. Alle waren schmutzig und einige Kinder trugen keine Kleider. Sie freuten sich enorm über den Kalender und die Unterstützung für Ondum. Alle Kinder waren riesig stolz auf sie und wir verschenkten ihnen noch ein paar Guetzli und Maiskolben von uns, welche mit ebenso grosser Freude entgegen genommen waren. In dieser Region wächst kein Mais. Während unseren Fahrten kaufen wir jeweils etwas an einem Ort, um es am anderen Ort zu verschenken, wo es diese Früchte oder das Gemüse nicht gibt. Die Begegnung mit den Leuten aus Etinomba war wirklich voller gegenseitiger Freude und nach einigen Gesprächen fuhren wir weiter Richtung Mamfe.

Kalender-Girl Ondum mit ihrem stolzen Papa. // Schwere und schweisstreibende Lasten werden mit einem Band über dem Kopf getragen. // Strasse oder Bachbett?

Umzug auf Kamerunisch: Hab und Gut findet auf einem Pickup Platz. // Der Weg führt mitten durch den Busch.
Die Strecke wurde zunehmend schlechter, so dass wir schon bald unseren 4WD benötigten. Tiefe Wasserlöcher mussten durchquert und schlammige Wege durch den Wald mussten überwunden werden. Oft schlossen wir auch die Fensterscheiben, um ein Hineinspritzen des Schlamms zu verhindern. Das neue Fahrzeug wurde ziemlich auf die Probe gestellt und hat es mit Bravour gemeistert. Die Temperatur stieg bald auf 30 Grad und 74% Luftfeuchtigkeit bei etwa 170 m ü. M. Auf einem Markt erfrischten wir uns mit Orangen und schenkten der alten Frau ein Sackmesser, weil sie täglich ihr Obst verschneiden muss und verkauft. Sie war überglücklich und wir amüsierten uns noch lange über ihre Worte: «thank you whiteman, thank you so much whiteman, god bless you whiteman»...

«Mömmer schiebe?» // Vorbei über Stock und Stein und Gewässer geht’s nach Mamfe. // Toll, die Mamfe-Bridge ist erreicht
Wir überquerten viele Flüsse ohne gesicherte Brücken und kämpften gegen die Stechmücken und Fliegen. Meist waren die Brücken auch nur ein paar Holzlatten, die glücklicherweise alle immer gut gehalten haben. Ein umgekippter Lastwagen mit Strassenwalzen der Chinesen war der Strasse zum Opfer gefallen. Gegen 17 Uhr erreichten wir nach 7 Stunden Fahrt endlich die Teerstrasse, welche uns innert kurzer Zeit nach Mamfe brachte. Das Wetter war so heiss und schwül, dass überall im Fluss gebadet und gewaschen wurde. In Mamfe war es auch gegen Abend noch über 30 Grad auf etwa 130 m ü. M.
Zum Abendessen gab es im gleichen Jahr wie zuvor ein feines Spaghetti-Omelett, welches wir mit grossem Genuss verspeisten. Endlich konnten wir uns im Hotel Eta Plaza wieder einmal duschen, denn in Bali war das Wasser ausgegangen. Wir freuten uns, wie viel kaltes Wasser aus der Dusche kam und erfrischten uns ausgiebig. Wie herrlich... fast wie zu Hause. Wir trafen uns wie im Jahr zuvor mit Emil, einem Verwandten von Gregory und den Abend verbrachten wir mit etlichen weiteren Männern aus Mamfe in der Dorfkneipe unter freiem Himmel. Der Abend wurde unerwartet sehr interessant, als wir uns dazu setzten und ich fragte, wo denn ihre Frauen seien und warum in Kamerun die Frauen nicht mit ihren Männern ausgehen. Die Männer nahmen die Frage sehr ernst und einer nach dem anderen antwortete fast Interview mässig auf meine Frage. Einer sagte, er habe leider noch keine Frau. Der andere sagte, seine Frau sei zu Hause mit dem Baby und müsse arbeiten. Und der dritte sagte entscheidend, es gehöre sich in ihrer Tradition nicht, dass Frauen mit den Männern ausgehen. So sei seine Frau zu Hause. Ausserdem sei sie extrem eifersüchtig. Als Gegenzug stellten sie uns die Frage, wie sie so werden können wir die Europäer. Sie wollen auch so schöne Häuser bauen, so erfolgreich werden und die Wirtschaft ankurbeln und Arbeit finden, wie es in Europa möglich sei. Fragen über Fragen, auf die wir oft nicht so genau wussten, welche Antwort richtig ist. Wir teilten ihnen mit, dass sie nicht ein Ideal kopieren oder den Weissen nacheifern sollen. Sie sollen auf ihre eigene Art und Weise das bestmögliche tun. Unser Ziel sei es unter anderem, den Kindern eine Möglichkeit auf Schulbildung zu geben. Sie sollen ihren Kindern möglichst viel Ausbildung finanzieren und so deren Zukunft verbessern. Sie sollen ihre guten Sachen nicht vergessen und auch in Europa gäbe es viele Dinge, die nicht so schön seien, wie sie aus der Ferne wirken. Nur schon das Klima, es wachse nicht einfach an jeder Ecke eine Banane oder andere Früchte, die man ernten und essen könne. Man könne nicht einfach so im Freien schlafen, wenn man kein Zuhause habe. Und vor allem sei ihre Familienzusammengehörigkeit so vorbildlich, wie man es in unseren Breitengraden nicht mehr findet. So gibt es etliche Dinge, die man selber gar nicht mehr sieht, wenn es zum Standard geworden ist. Wir erzählten auch über unsere Projekte mit Ashia, welche auf grosse Freude und Interesse stiessen. Sie bedankten sich, dass wir ihrem Volk helfen und sich für sie einsetzen. Auch wenn die Diskussionen der Leute untereinander sehr lautstark wurden und wir wegen der Pidgin-Sprache nicht alles verstanden, war es spannend und interessant für beide Seiten. Der Abend wurde abgerundet durch gegenseitiges Bier spendieren. Das ganze fand in der Dunkelheit statt, weil einmal mehr in Mamfe kein Strom war. Unser Hotel bot bis 23 Uhr den Komfort eines lautstarken Stromgenerators, so dass wir uns noch mit Licht ins Bett legen konnten.