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Kamerun Reisebericht Cameroon

Bali Nyonga


8.1.2009

Um 8 Uhr wurden wir einmal mehr im Spital von Bali wunderbar zum Frühstück verpflegt. Die Schwestern umsorgen uns und bekochen uns, so dass wir immer wieder äusserst überrascht sind, wie gut ihre Mahlzeiten schmecken. An diesem Tag standen unter anderem Omeletten auf dem Tisch. Schwester Candida war bereits nach Bamenda gereist, es empfing uns Schwester Anne, welche sogar einige Worte gutes Deutsch beherrscht. Sie hatte unter anderem im Südtirol gelebt und freute sich über unseren Besuch genauso wie die anderen Schwestern.

Den heutigen Morgen verbrachten wir mit einem Besuch im Moslemdorf Baba II, welches wir schon im Jahr zuvor besucht hatten. Das Dorf liegt ungefähr 12 km von Bali entfernt und es hat eine Hand voll Hüttchen/Häuschen, wo die rund 200 Moslems ganz für sich und ohne Elektrizität leben. Schon auf dem Weg trafen wir einige Frauen aus dem Dorf. Sie erzählten uns, dass sie nach Bali gehen, um einem Neugeborenen den Namen zu geben und es auf ihre Art und Weise zu taufen. Das heisst, fast alle Frauen gehen an diese Feier, das Kind erhält drei Namen (einen Moslem-Namen, einen Englischen Namen und einen Namen, der den Wochentag des Geborenen andeutet). In diesem Falle war es ein Junge, welcher am Samstag geboren worden war. Der Weg führte uns ziemlich steil bergauf. Einige Marktfrauen waren ebenfalls zu Fuss durch den Busch unterwegs, um Mais zu kaufen und diesen nachher auf dem Markt in Bamenda zu verkaufen. Wir „packten“ sie kurzerhand mit auf unseren Pickup und sie waren überglücklich, dass sie nicht zu Fuss weiter gehen mussten. Schon bald erreichten wir Baba II. Wir hatten vom letzten Jahr etliche Fotos mit dabei, welche wir verschenken wollten. Ebenfalls hatten wir einige Süssigkeiten für die Kinder gekauft, weil unsere Hilfsgüter leider noch immer auf sich warten liessen... Kurz nach dem Gatter, welches die Häuser abschirmt, begrüssten wir schon die ersten Bewohner und besichtigten deren Haus. Wir waren extrem überrascht, wie toll dieses Haus seit letztem Jahr zurecht gemacht worden war (wohl bemerkt ohne jegliche finanzielle Unterstützung oder Inputs von uns). Schön bunt mit Farbe angestrichen, wunderschöne Möbel korrekt sauber angeordnet, an den Wänden hingen tolle Poster und alles war herrlich sauber. Die Kinder, die herumwuselten, standen jedoch alle voller Schmutz, hatten löchrige Kleider und kaputte Schuhe an. Nur die kleineren Kinder waren da, die grösseren waren in der Schule. Nach einigen Gesprächen gingen wir zu Fuss weiter zu den weiteren Häuschen ein wenig weiter am Hang oben. Die Kinder begleiteten uns. Oben angelangt kam aus den etwa 8 Häuschen jeweils eine eher ältere Frau. An einem Ort hatte sie vorher im Dunkeln drinnen am Boden etwas fürs Mittagessen Bohnen geschält oder an einem Ort haben sie gerade den Hausboden repariert. Einmal mehr staunten wir über die Vielfalt der Töpfe, welche fein säuberlich in Holzgestellen angeordnet aufgereiht standen. Auch ums Haus herum war ordentlich gewischt worden. Jedenfalls einige Meter, danach herrschte das gewohnte Chaos von beispielsweise einem Löffel, einzelnen Schuhen, Plastiksäcken, Kuhmist oder weiterem Abfall, welcher kreuz und quer herumlag... Wir überraschten sie mit unseren mitgebrachten Fotos und den Lollis für die Kinder, welche grosse Freude bereiteten. Ein sehr alter Mann, welcher sich letztes Jahr noch mit mir gemeinsam hatte fotografieren lassen, war leider in der Zwischenzeit verstorben. Sein Nachfolger (auch ein alter Mann...) auf demselben Foto freute sich nichts desto trotz über das Bild. Nach einigem Smalltalk verliessen wir das Dorf schon bald wieder. Eine Unterhaltung war schwierig, denn diese Menschen sprechen ausschliesslich ihre eigene Sprache Fulfulde (das Volk nennt sich Fulbe) und ein wenig Pidgin-Englisch, welches wir beides nicht verstehen können. So blieben nur einige Wortfetzen, welche wir wechseln konnten. Doch eines hat uns trotzdem sehr gefreut: es ist mehrfach das Wort Ashia gefallen, ohne dass sie unsere Organisation kennen oder davon wissen. Das Wort ist hier einfach allgegenwärtig, und ihre mehrfache Anwendung als Deutung der Dankbarkeit und Zusammengehörigkeit oder auch als Gruss in diversen Sprachen hat uns wirklich gefreut.


  

Zu Besuch im Moslemdorf Baba.


Zum Mittagessen und zur kühlen Getränkeerfrischung fuhren wir zurück nach Bali. Auf dem Rückweg sahen wir just wieder die gleichen Markfrauen, welche doppelt glücklich waren, dass wir sie noch einmal im Huckepack mit nach unten transportierten. Ein Mann war unterwegs zur Jagd nach Affen mit einem Buschmesser und einer Flinte. Wir hatten jedoch kein Glück, um irgendwelche Tiere zu sichten. Der knallblau leuchtende Kingfischer war ebenfalls zu schnell an uns vorbei geflogen, um ihn vor die Linse zu bekommen.
In Bali war es an diesem Tag richtig windig und auf dem Wiesenplatz im Dorf bildeten sich mehrfach kleine Windhosen, die den Staub und Dreck aufwirbelten. Im Restaurant nebenan sass eine Frau. Sie zeigte uns ihr Notizheft, welches eine Ratte fast bis zur Hälfte angenagt hatte und ihre Notizen waren sozusagen nicht mehr brauchbar. Glücklicherweise sind wir von solchen Problemen bisher verschont geblieben. Im Restaurant ist es im Übrigen kein Problem, sein Essen selber mitzubringen oder nebenan bei der «Konkurrenz» zu kaufen und dann anderswo zu essen. Man kriegt trotzdem eine Wasserschüssel, um sich die Hände zu waschen, und es stört niemanden. Wir verzichteten auf das Pockelpine (Stachelschwein), denn wie erwähnt war es uns am Vortag in totem Zustand schon einmal im Plastiksack begegnet... (Ein Stück davon kostet übrigens etwa 1 Fr.)

Am Nachmittag stand Wäsche waschen auf dem Plan. Unsere Kleider waren mittlerweile alle ziemlich schmutzig. So suchten wir im Gästehaus alle Kübel zusammen und wuschen, wie es in Kamerun üblich ist, unsere Kleider im Waschzuber. Wahrscheinlich waren die Frauen um uns herum im Compound überrascht, wie viele Kleider wir aufzuhängen hatten, auch wenn wir nur für jeweils 10 Tage Kleider mit dabei haben... Jedenfalls benötigten wir nebst unseren Schnur-Leinen auch noch deren Wäscheseile, um für alles Platz zu finden. Die Kleider wurden danach zwischen den Hüttchen im Zickzack an der Sonne zum Trocknen aufgehängt.


  

Waschtag ist angesagt. // Unsere tolle Unterkunft in Bali-Nyonga. // Unsere Nachbarskinder spielen Mofa fahren.


Was uns im Weiteren auffiel, dass die Leute schon einige Male sagten, dass wir beide uns so ähnlich seien, ob wir nicht Bruder und Schwestern sind. Das zeigt uns einmal mehr, wie unterschiedlich die Gesichtsformen Europa/Afrika sind, so dass es schwer fällt, die wichtigen Merkmale der Unterschiede zu sehen. So fiel es uns anfänglich auch schwer, die Menschen hier zu unterscheiden, und auf den ersten Blick sehen ziemlich alle gleich aus. Wenn man sich länger damit befasst, findet man die wichtigen Hinweise, wo die Unterschiede zu sehen sind. Doch auch jetzt noch kann es ab und zu passieren, dass man ein Gesicht nicht mehr zuordnen kann. Seit wir hier sind haben wir schon etliche Hände geschüttelt, diverse Brüder und Schwestern von Gregory kennen gelernt und noch weitere Kinder an den Rockzipfeln hängen gehabt ;-)


 

Dorfmitte Bali-Nyonga: die Pferde grasen während dem Tag, bis Herrchen abends wieder mit ihnen nach Hause reitet. // Kinder von Bali-Nyonga.


Den späteren Nachmittag nach unserer Wasch-Aktion verbrachten wir mit einem Besuch im Waisenhaus Bossa ob Bali. Etwa 8 km oberhalb Bali, quer durch Buschland mit hohem Wiesengras, liegt ein grosses schönes Gebäude. Unangemeldet tauchten wir auf und eine alte weisse Frau kam aus dem Haus. Gefolgt von einem etwas jüngeren Kameruner und etlichen Waisenkindern. Wir grüssten alle freundlich und wurden sogleich herumgeführt und uns wurde alles gezeigt, ohne zu fragen, wer wir sind oder was wir wollen. Über diese Mentalität staunen wir immer wieder. Fremde können kommen und sind sogleich herzlich Willkommen, ohne weitere Fragen zu stellen. So hörten wir den Erzählungen der 81-jährigen Grace Tait Virginia zu. Schon mit 7 Jahren hatte sie den Traum gehabt, einmal ein Waisenhaus zu führen. Sie war mit zwei Waisenkindern aufgewachsen und irgendwie hatte sie immer ein Gefühl für diese Kinder. Mit 20 Jahren hatte sie einmal eine Weile in einem Waisenhaus gearbeitet, den Rest ihres bisherigen Lebens jedoch ohne ihren «Traum» gelebt. Erst im Jahre 2006 war sie nach ein paar Jahren in Kamerun soweit, dass sie mit dem Geld des Hausverkaufs ihrer verstorbenen Eltern in Kamerun ein Waisenhaus errichten konnte. Derzeit leben 28 Waisenkinder im Heim, täglich würden neue gebracht, wenn sie nicht schon längst aufhören würden, neue Kinder anzunehmen, da sie alle Hände voll zu tun haben. An ihrer Seite standen Pastor Thomas und seine Frau, welche der Frau im mittlerweile fortgeschrittenen Alten beistanden. Grace ist übrigens in den Staaten aufgewachsen. Das Heim lebt von ihrer Pension, welche sie von dort erhält. So ist es auch hier an allen Ecken und Enden knapp. Das Haus ist weit vom Dorf abgelegen, der Fon hatte das Land hier zur Verfügung/Verkauf gestellt. Sie haben keinen Strom und erst seit kurzer Zeit eine eigene Wasserversorgung vor dem Haus. Rund um das Haus ist Farmland, in welchem alle Kinder mithelfen und anpacken müssen. Als Unterstützung kommt jeweils eine Frau zum Kochen oder Wäsche waschen. Die alte Lady überraschte uns mit einigen Witzchen, die uns zum Lachen brachten. Sie sei nie verheiratet gewesen und habe nun doch so viele Kinder. Und als sie unsere Namen nach kurzer Zeit nicht mehr wusste, meinte sie: ich habe kein gutes Gedächtnis mehr aber eine umso grössere Vergesslichkeit ;-)

  

Waisenhaus Bossa ob Bali-Nyonga. // Einige der Waisenkinder von Bossa. // Blick in ein Kinderzimmer: es wird dringend Unterstützung gebraucht... wir können mit unseren Spenden dazu beitragen.


Sie erzählte einige Schicksale der Kinder, die zum Beispiel 6 Tage nach der Geburt zu ihr gebracht worden wären, weil die Mutter bei der Geburt gestorben war. Sie erzählte, wie viele Kinder ausserhalb des Heimes leiden müssen und sie trotzdem nicht weitere nehmen können. Oder das kleine Mädchen, das total ausgehungert zu ihnen gebracht worden war und niemanden hatte, der für sie geschaut hatte. Sie zwar 2 Jahre alt gewesen und konnten weder sprechen noch gehen. Nun, 1 Jahr später, machte sie einen lebendigen wohl ernährten Eindruck und plapperte darauf los. Der Blick in die Innenräume gab uns doch sehr zu denken. Das Gebäude war zwar riesig gross und richtig gut gebaut, doch am Boden lagen heruntergefallene Reiskörner vom Mittagessen, überall lagen Kleider der Kinder herum und es herrschte eher Chaos als Ordnung. Vor allem der Blick in die Kinderzimmer erschreckte uns. Die Betten waren übereinander angeordnet in etwa 8 Schlafräume unterteilt. Über und auf den Betten lagen kreuz und quer Kinderkleider, die kleinen Holzschränke waren offen, darin herrschte wildes Chaos und ab und zu erblickten wir ein Spielzeug. Es gab je 4 Duschen und 4 Toiletten für die Kinder. In der Küche hing ein Essensplan, welcher uns beeindruckte: Frühstück, Znüni, Mittagessen, Zvieri, Abendessen, Snack: jeden Tag Abwechslung und vor allem Früchte standen auf dem Plan. Der Pastor erklärte, dass sie diesen Plan zwar vom Gesundheitsministerium auferlegt bekommen hätten, ihn jedoch unmöglich einhalten könnten. Es seien einfach zu wenige Möglichkeiten, um an alle Lebensmittel zu kommen. Während der ganzen Besichtigung hatte ich immer mehr kleine Händchen am Rockzipfel oder an meinen Fingern, alle wollten uns halten und Fotos von sich machen, und diese nachher auf dem Display besichtigen. Draussen ums Haus herum lagen gewaschene Kinderkleider, welche der Wind von den Wäscheleinen in die schmutzige Erde geweht hatte.



«Waisenmutter» Grace mit ihren Schützlingen.


Nach diesem Rundgang waren wir ziemlich unsicher, was wir tun sollten. Einerseits waren wir erschreckt über die Unordnung und uns nicht schlüssig, ob hier ein guter Platz für eine Spende war. Andererseits taten uns all die kleinen Kinder so leid, denn sie konnten nichts dafür und benötigen dringend Hilfe. Wir besprachen uns kurz miteinander zu dritt, was wir machen wollten. So beschlossen wir, eine stattliche Summe zu spenden, an ein paar Bedingungen angeknüpft. Einmal mehr staunten wir über das Geschick von Gregory, als er unsere Meinung in Worte fasste und genau das ausdrückte, war wir dachten und wo uns jedoch die richtigen Sätze dazu gefehlt hatten. So teilten wir dem Pastor mit, dass wir ihnen diese Spende geben, mit der Bedingung, damit mehr Struktur und Ordnung in das Heim zu bringen. Speziell die Ordnung in den Kinderzimmern oder im Wohnraum. Aufmerksam hörte er zu und nahm unseren Ratschlag offen an. Er bestätigte, dass er selbst mit dieser Aufgabe überfordert sei. Er sei Pastor und kein Erzieher. Er schaue nun für die ältere Lady und für die Kinder, so weit es gehe. Doch die Arbeit wachse ihnen langsam aber sicher über den Kopf. Er versprach, mit unserem Geld ein oder zwei Leute anzustellen, die einzig für Struktur und Ordnung der Kinder da wären. Um ihnen zu zeigen, wie sie ihre Sachen ordentlich zu halten zu haben und um ihnen ganz allgemein unter die Arme zu greifen. Gregory erklärte ihm, dass er den Kindern mit Sicherheit die Ordnung beibringen könne, so dass es für alle klar sei, wie es sein müsse. Er gab ihm ein paar Tipps, wie er es selbst mit seinen Kindern handhabt. Und das Wichtigste am Schluss: wir würden wiederkommen und prüfen, ob unser Geld sinnvoll eingesetzt worden wäre. Wir würden uns nicht anmelden, weil wir keine spezielle Begrüssung wollen. Wir würden einfach eines Tages wieder hier sein, und dann sehen wollen, wie der Stand der Dinge sei. Egal, wann. Ob morgen, übermorgen, nächste Woche, in einem Monat, Jahr oder noch später: wir würden wieder kommen. Der Pastor begann, sein Hemd ordentlich zuzuknöpfen und ich musste insgeheim schmunzeln, denn die Aufräumarbeit hatte schon sichtlich begonnen ?

Als Abschied schrieben wir noch einige Zeilen ins Gästebuch und sahen, dass hier noch nicht wirklich viel Besuch gekommen war und dass vor allem niemand eine so grosse Spende hinterlassen hatte. Wir hofften wirklich, damit etwas bewegen zu können und beim nächsten Besuch positiv überrascht zu werden. Diese Chance wollten wir ihnen überlassen.

Danach hiess es umgehend zurück zum Gästehaus zu fahren, denn es war schon dunkel gewesen und unsere Wäsche sollte noch ins Haus gebracht werden. Oh, sie war bereits nicht mehr an den Leinen. Die nette Nachbarin (mit Sicherheit auch eine Stiefmutter oder Schwester oder Schwägerin von Gregory ;-) hatte dies schon für uns erledigt und in ihre Hütte gebracht. Wir bedankten uns von Herzen und fuhren einmal mehr ins Spital von Bali, um uns von Schwester Candida verpflegen zu lassen. Wir hatten schon ein schlechtes Gewissen, weil sie uns immer verköstigten. Doch die Schwester liess sich nicht davon abringen. Dieses Haus sei nun auch unser Haus und wann immer wir hier seien, hätten wir bei ihr zu speisen. Wir genossen einen herrlichen Eintopf mit Kartoffeln und Karotten, führen einige Gespräche und fuhren danach schon bald ins Gästehaus zurück, um uns schlafen zu legen.


9.1.2009

Die Nacht war ein wenig unruhig verlaufen. Die Wäscheleine im Gästezimmer war gebrochen, so fielen mitten in der Nacht unsere Tücher im Schlaf auf uns, was uns ziemlich erschreckt hat. Und früh am Morgen, es war fast noch dunkel, fingen unsere Nachbarn an, ihren Cassava zu zermahlen. Ein Mann mit einer Mühle war bestellt worden und so wurden etliche Cassava-Wurzeln mit einem grossen Lärm die Maschine herunter gemahlen. Der Brei wurde später hinter dem Haus in Säcken zum Trocknen verpackt gelagert.

Ein wunderbares Frühstück gab es einmal mehr im Spital von Bali. Die Schwestern erzählten uns, dass Sister Solange am Vortag einen Unfall gehabt hätte. Sie war nach Banyo unterwegs gewesen, als ihr Bus mit mehreren Personen verunfallte. Einige Personen waren verletzt. Sister Solange war glücklicherweise nichts passiert. Erst vor einiger Zeit hatte sie selber noch einen Überfall miterleben müssen. Sie war mit einem Mofafahrer unterwegs, als Diebe ihr Geld stehlen wollten. Als der Mofafahrer die Flucht ergriff und davonfuhr, schossen die Diebe ihnen nach und trafen die Schwester am Unterarm. Dies erschreckte uns sehr, dass die Menschen hier zum Teil so skrupellos sein können, dass sie vor gar nichts zurückschrecken und auf Schwestern schiessen. Die Erzähler wollten uns damit beruhigen, dass vor allem weiter im Norden die Gefahr auf Überfälle grösser sei.

Nach dem Frühstück riefen wir unsere Bank in der Schweiz an und erfuhren mit grosser Freude den aktuellen Kontostand des Spendenkontos. Wenigstens dies war ein erfreuliches Telefonat, denn der tägliche Anruf zu den Kontaktpersonen am Zoll war einmal mehr negativ, keine Neuigkeit, immer noch nicht die Unterschrift auf dem letzten fehlenden Papier. Wir wurden auf den Nachmittag vertröstet. Wir klammerten uns an diesen Strohhalm und hofften auf den Nachmittag.

Danach fuhren wir nach Bamenda, um ein weiteres Waisenhaus zu besuchen. Der Weg führte wieder durch diverse Polizeikontrollen. Wir können diese jeweils ohne Probleme passieren, weil sie Gregory kennen und mit seinem Auto und Papieren alles stimmt. Wir wurden Zeuge der täglichen Korruption, als ein total überladenes Auto mit Holz den Polizisten schmierte, um die Stelle passieren zu können. So läuft es hier.

 

Stolz präsentiert uns diese Frau in Bamenda ihren Marktstand: in den Säcken wird Reis gelagert. // Gewühl auf dem Markt. Im Hintergrund wunderschön farbige Stoffe.


Schon bald hatten wir das Waisenhaus der Benetictine Sisters von Bethany und das Good Shepard Home in Abongah/Bamenda erreicht. Dieses Waisenhaus ist das grösste im Nordwesten. Wir wurden freundlich empfangen und kaum waren wir im Haus, sahen wir überall winzig kleine Bébies und Kleinkinder auf den Polstersesseln liegen und schlafen. Es hatte etwa 10 Polstersessel im Wohnzimmer und wir fanden vor lauter Kinder fast keinen Platz, um uns zu setzen. Wir waren überrascht und die süssen Bébies schliefen friedlich oder liessen sich von den Betreuerinnen füttern und wickeln. Die leitende Schwester ist Sister Jane. Sie erzählte uns einiges über ihr Waisenhaus und rief zur Verstärkung noch die junge Inga aus Hamburg/Deutschland, die derzeit ein Jahr im Waisenhaus mithilft. Insgesamt arbeiten hier 5 Schwestern, 3 Frauen und 3 junge Männer. Wir liessen uns im Haus herumführen und staunten, wie viel Ordnung und wie viel Arbeit hier täglich erledigt werden muss. Das Heim hat rund 60 Kinder, die kleinsten sind gerade 6 Tage alt und die Mutter war bei der Geburt gestorben. Die grössten sind Sekundarschüler. Die Kinder werden im Heim durch Lehrer unterrichtet und das Heim wird einzig und allein durch Spendengelder (hauptsächlich durch Freunde aus den USA) finanziert. Der Staat bezahlt keinen CFA. In den letzten 4 Wochen haben sie 3 frisch geborene Bébies erhalten und hatten somit alle Hände voll zu tun. Das Geld ist knapp und die Babymilch sowie Medikamente sehr teuer. Schwester Jane erzählte, sie haben noch weitere 20 Kinder in Batibo. Um ein wenig Geld einzubringen, halten sie Schweine, Kühe, Kaninchen und Hühner sowie eine Brotbackstube. Sie mahlen auf der eigenen Mühle oft auch für andere Dorfbewohner. Die Kinder müssen auch bei der Feldarbeit mithelfen. Ab und zu, vor allem an Weihnachten, kämen Spenden aus Bamenda, die zum Beispiel Reis, Seife oder Windeln für die Kinder bringen. Das Heim wurde 2002 aufgebaut und je nach finanziellen Möglichkeiten wird ständig weitergebaut und vergrössert. So entstehen derzeit neue Schlafunterkünfte für die Kinder, welche sehr gedrängt schlafen müssen.


  

Zu Besuch im Waisenhaus von Abongah/Bamenda. Kinder, wo man hinguckt. // Draussen am grossen Holzherd wird für alle Kinder gekocht.


  

Schwester Jane mit der Jüngsten auf dem Arm: Linda ist gerade einmal 4 Wochen alt. // Im Waisenhaus erhalten die Kinder Schulunterricht durch eigene LehrerInnen.


Wir wurden überall herumgeführt, sahen die schöne Kapelle, die Büroräumlichkeiten, die Schulzimmer und die Baustellen. An den Wänden hingen viele Kinderzeichnungen und alles war ganz liebevoll eingerichtet. Auf der grossen Feuerstelle draussen wurde das Mittagessen zubereitet. In riesigen Töpfen wurden verschiedene Zutaten wie Fleisch und Gemüse zu einer Suppe gekocht. Pistazien-Kerne öffneten sie mit den Zähnen, um sie nachher dem Essen beizugeben. Die grösseren Kinder helfen jeweils mit beim Wäsche waschen oder anderen Hausarbeiten. Des Weiteren kommen ab und zu junge Burschen aus dem Dorf und helfen für ein Entgelt mit. Wir waren wirklich beeindruckt über die Arbeit und über die Geldnöte, welche herrschen. So spendeten wir auch hier einen grosszügigen Betrag im Namen von Ashia, welcher mit einer riesigen Freude entgegen genommen wurden. Alle Helferinnen eilten herbei, freuten sich, umarmten uns und bedankten sich etliche Male. Was für ein Glückstag, sagten sie. Da sitze man hier und plötzlich komme eine so riesige Hilfe, sie seien überglücklich und könnten ihren vielen Bébies endlich genug Babymilch und Nahrung kaufen. Eine 400 Gramm Büchse Babymilch kostet hier zwischen 6 CHF und 8 CHF. Wir freuten uns mit ihnen, weil wir wussten, dass die Hilfe genau am richtigen Ort ist. Die vielen Kinder, welche ihren Start ins Leben ohne Eltern meistern müssen, erhalten in diesem Waisenhaus Liebe und Hoffnung für die Zukunft. Als Erinnerung machten wir gemeinsam noch ein Foto und verabschiedeten uns danach mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen.

  

Durch die Haltung von Hühnern und Schweinen kann sich das Waisenhaus ein Stück weit selber ernähren. // Zum Abschied gibt’s ein Gruppenfoto von uns allen.


Eine kühle Erfrischung gab es auf dem Rückweg in Bamenda. Wir liessen unser Fahrzeug prüfen, weil öfters Flüssigkeit heraustropfte. Während der Reparatur besprachen wir zu dritt das Schulprojekt Enwen und wollten uns am Abend mit den Männern aus Enwen treffen. Da unsere Spendengelder bald aufgebraucht waren, wollten wir auf eine Bank gehen, um weiteres zwischenzeitlich in der Schweiz Erhaltenes abzuheben. Dies erschien sich als schwieriger als gedacht. Es hat zwar in Bamenda diverse Banken an einer langen Strasse, doch wie diese funktionieren ist uns schleierhaft. Auf der ersten Bank BICEC konnten wir zwar unsere Kreditkarte in einen Geldautomaten stecken, was schon Hoffnung erweckte, doch ein (egal wie grosser) Bezug war nicht möglich. Der Besuch in der Bank selber brachte uns auch nicht weiter. Die nette Dame hinter der Glastüre meinte nur, wir müssen mehrmals Geld mit der Karte beziehen, um auf unsere gewünschte Summe zu kommen. Da dies aber auch nicht klappte, fuhren wir zur nächsten Bank namens SGBC. Vor etlichen Schaltern standen noch viel mehr Personen oder sassen auf Polsterbänken und warteten auf Bedienung. Man wusste nicht so genau, wo anstehen. Doch auch hier war ein Bezug nicht möglich und am Schalter ging es ebenfalls nicht. Nach einem Telefonat in die Schweiz, um bei der Kreditkarten-Firma nachzufragen, welche Bank sie uns empfehlen, fuhren wir weiter zur Ecobank. Ein ganz neues Gebäude erweckte Hoffnung in uns. Hinter Gittern sass ein Mann, der uns mitteilte, dass die Bank erst in einer Woche eröffnet werde. So ging es zur vierten Bank, Bank Amity of Cameroon. Die Eingangstüre klemmte. Der Geldbezug scheiterte ebenfalls. Wenigstens konnten wir auf der Bank auf die Toilette, welche in etwa so gross war wie in einem Flieger, nur niemals so sauber und wessen Türe sich nicht schliessen liess. Wo die Menschen hier zur Toilette gehen blieb uns ein Rätsel, denn auch in eher modern wirkenden Geschäften gibt es keine Toilette. Ein Nachfragen auf der Bank, was sie uns betreffend dem Geld empfehlen, brachte uns nochmals zur SGBC Bank und dort zum Chef der Bank. Er sass alleine in einem Räumchen und lass Zeitung. In zwei Wochen würden sie einen neuen Geldautomaten erhalten, mit diesem würde es dann wohl gehen, meinte er. Als Abschluss wollten wir uns nochmals beim Chef der Bank BICEC erkundigen, doch diese hatte mittlerweile um 15.30 Uhr die Tore geschlossen. So blieb unser Geldbezug erfolglos. Glücklicherweise hatten wir noch genug Reserve.

Wir stiegen zurück ins Auto und drängten uns mit etlichen weiteren Autos zweispurig durch die Strassen Bamendas. Überfüllte Schulbusse brachten die Kinder von der Schule nach Hause. Wir fuhren zum Markt, um für unsere zu Hause gebliebenen einige Geschenke zu kaufen. Tausende enge winzig kleine Geschäftchen reihten sich aneinander. Das Angebot schien riesig. Von Mais, Reis, Zahnbürsten und Zahnpasta, Gewürzen, Lollis, Gebäck, Teigwaren, Kernseifen über Stoffen, Näherinnen an fusspedalbetriebenen Nähmaschinen sahen wir so einiges und staunten.

Danach trafen wir uns in einem Restaurant mit Charles, um weitere Details über das Schulprojekt Enwen zu besprechen. Wie immer musste im Restaurant zuerst der Tisch und die Stühle vom Staub befreit werden, dies jeweils mit einem ebenso schmutzigen Lappen ;-) Während unseres Gesprächs versuchten einige Burschen nebenan mehrmals erfolglos, ihr Auto die Strasse hinunter zu schieben, um es in Fahr zu bekommen. Wir teilten Charles aus Enwen mit, dass wir ihnen ein Startkapital für die ersten zwei Schulklassen spenden werden. Damit und mit weiteren Geldern aus eigener Kraft sowie aus dem Dorf sollen in den nächsten paar Monaten neue Klassenräume gebaut werden können. Den fortlaufenden Bau wird Gregory prüfen. Des Weiteren wird er wenn möglich an einer Sitzung des Dorfes teilnehmen, wo verschiedene Bewohner die Finanzierung besprechen werden. Es benötigte einige Zeit, bis Charles verstand, dass wir kein ganzes Klassenzimmer finanzieren können und wollen, sondern dass wir gemeinsam mit ihnen etwas auf die Beine stellen möchten. Unsere Idee ist, dass es viel wertvoller ist, wenn gemeinsam etwas erbaut wird. Ganz nach unserem Slogan: Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können gemeinsam das Antlitz der Welt verändern...

Während dieses Abends mussten wir leider auch riesig frustriert und traurig feststellen, dass unsere Reise hier zu Ende gehen wird, ohne dass wir unseren Hilfsgüter-Container noch mit eigenen Augen sehen können. Auch wenn die lang erwartete Unterschrift auf dem Zollbefreiungs-Papier in den nächsten Tagen noch kommen würde, würden wir es nicht mehr schaffen, ihn zwischenzeitlich auszulösen. So verlief der Abend eher in trauriger Stimmung und wir gingen früh zu Bett.

Wir sind überzeugt, dass der Container noch gänzlich verschlossen hier ankommen wird und unsere Güter früher oder später ihren Einsatz finden können. Während all diesen Tagen hier haben wir so viele Orte gesehen und freuen uns nun erneut darauf, dass es zur nächsten Reise klappen wird. Wir haben so viele liebe Menschen wieder gesehen und kennen gelernt, die über die Hilfe aus der Schweiz so froh sind, dass wir wieder genug Kraft haben, um weiter zu machen und weiter zu sammeln. Der Container wird sein Ziel erreichen und auf uns warten. Hoffentlich wird die Regierung hier eines Tages doch noch einsehen, dass sie durch ihre langsame und komplizierte Arbeitsweise ihren eigenen Leuten Hilfe von aussen blockieren. Nichts desto trotz lassen wir uns nicht von unserer Hilfe abbringen und planen bereits die nächste Reise zur Verteilung an Ostern 2009...


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