Mayo Darle
5.1.2009
Im schmalen Doppelbett schliefen wir tief und fest, bis die Hühner uns um 7 Uhr aufweckten. Der Strom fehlte noch immer, wie schon die ganze Nacht. Doch wir waren glücklich, dass wir Wasser zum Duschen hatten, denn das hatte in der vorherigen Unterkunft vorübergehend gefehlt.
Auf dem Weg zum Frühstück nebenan im Spital trafen wir schon die Mutter von Jean-Claude, welche sich nochmals für die Verarztung ihres Sohnes vom Vorabend bedankte und uns zu sich nach Hause einlud. Einfach um uns ihr Haus zu zeigen, etwas bezahlen könne sie uns leider nicht. Wir willigten ein, dass wir am Nachmittag bei ihr vorbeischauen würden.
Nach einem köstlichen Frühstück besichtigten wir nochmals ausgiebig das Spital, denn es hatte sich im vergangenen Jahr einiges getan. Neue Gesichter waren gekommen und sogar ein Arzt war nun da. 6 Schwestern sowie der Arzt und zwei Assistenten begrüssten uns zur montäglichen Sitzung am Morgen. Sie besprachen, was in der vergangenen Woche gelaufen war, was ansteht und begrüssten uns nochmals ganz herzlich und erklärten allen, wer wir sind und was wir die vergangenen zwei Jahre getan hatten. Sie bedankten sich für unsere Hilfe und für die mitgebrachten Hilfsgüter. Dr. Thomas, der Arzt, betreut in diesem Umkreis 20 000 Menschen. Nach der Sitzung gingen wir mit ihm zur Visite der Patienten. Eine junge Mutter war mit ihrem winzig kleinen Baby gekommen. Das Baby war im 7. Monat zur Welt gekommen und mittlerweile 3 Wochen alt. Die Patienten sprechen meistens ausschliesslich ihre Sprache Fulani, sie sprechen kein Englisch oder Französisch, was die Arbeit erschwert. So übersetzt der Assistent für den Arzt die Gespräche. In 3 Räumen lagen getrennt Frauen und Männer auf alten rostigen Betten und abgenutzten Matratzen. Die Ablagen neben den Betten waren ebenfalls rostig. Die Patienten werden von ihren Familien betreut, welche alle auch im Raum sassen und ihre Verwandten bekochten und pflegten. Das kleine Spital von Mayo Darle hat 42 Betten. Dank unserer Hilfe konnten sie seit letztem Jahr unter anderem auch 5 neue Sitzbänke und zwei Holztüren finanzieren. Nun können die Schwangeren Frauen getrennt von den kranken Patienten im Empfangsraum sitzen. In einem Nebenraum wurde ein junges Mädchen kontrolliert. Mit Schrecken sahen wir ihren dick geschwollenen Knöchel und wie sie den gänzlich verschmutzen Verband abnahm und darunter eine fürchterliche Wunde hervorkam. Das Mädchen hatte vor 4 Jahren einen Unfall gehabt, der Knochen war aus der Wunde gekommen und die ganze Zeit über war sie nie zu einem Arzt gegangen. Ihre Familie hat sie im Haus gelassen, die Wunde wurde nicht gepflegt oder gesäubert. Ihre Eltern konnten sich keinen Arzt leisten, so probierten sie selber etwas aus. Die Schwestern hatten das Mädchen per Zufall gefunden, als sie auf einer Aussenvisite waren und hatten sie ins Spital mitgenommen. Sie war ganze 4 Jahre lang im Haus gesessen und konnte nicht mehr hinaus gehen. Für uns war es unvorstellbar, dass so etwas erträglich ist. Wir teilten den Schwestern mit, dass sie mit unserer Spende auch diesem Mädchen helfen sollen.

Das Spital von Mayo Darle. // Morgendliche Sitzung im Spital von Mayo Darle. // Aufklärungs-Plakate an den Wänden des Spitals: schützen sie sich vor Aids!

Welch unvorstellbarer Schmerz dieser Wunde, welche 4 Jahre nicht versorgt worden war... // Ein Frühgebürtchen wird zum Untersuch gebracht. // Die Sisters freuen sich über Spenden aus der Schweiz.
Danach kam die besprochene Sitzung mit den Eltern Josephine und Amidou der Zwillinge Ousseni und Assana, welche eine Fehlstellung der Füsse haben. Die Eltern waren wie abgemacht gekommen, hatten beide Kinder gewaschen und ordentlich angezogen. Der Arzt sah sich die Kinder nochmals in Ruhe an. Er erklärte, dass diese Fehlstellung unbedingt operiert werden müsse. Vor allem das Mädchen könne sonst im Erwachsenenalter niemals Kinder gebären, ohne Probleme zu haben. Der Knabe sass die meiste Zeit eher verkrümmt auf der Sitzbank, weil es ihm so am angenehmsten war. Er half beiden Kindern auf die Untersuchungsliege und legte ihre Beine so hin, wie sie im jetzigen Zustand waren. Die Beine überkreuzten sich gegenseitig. Er erklärte den Eltern und uns, dass diese Fehlstellung in Folge eines Vitamin D-Mangels entstanden war und dass sie ihr kleines Baby, das ebenfalls mit dabei war, unbedingt mit den kostenlosen Vitamin-Präparaten versorgen sollen. Die Zwillinge waren bei der Geburt gesund gewesen und nach und nach wurden ihre Beine schief, als sie schwerer wurden und zu gehen begannen. Ein Jahr zuvor hatte man dies noch gar nicht gesehen, als ihre Schwester sie auf dem Kalenderbild auf dem Rücken trug. Laut Arzt ist dies eine einfache Operation der Unterschenkel, welche in Bafut ausgeführt werden kann, wo wir einige Tage zuvor selber auf Besuch gewesen waren. Die Eltern müssten ihre Kinder dorthin bringen, sie operieren und vor allem danach eine Physiotherapie mit ihnen ausführen, damit sie neu gehen lernen können und ihre Beine wieder gerade werden. Die Mutter sagte die ganze Zeit nichts und verhielt sich ruhig im Hintergrund, wie es sich für Frauen hier gehört.

Die Schwester untersucht eine schwangere Patientin. // Aufklärungs-Plakat: schützt euch vor Malaria! // Sr. Evelyne zeigt uns ihr Medikamenten-Räumchen.
Der Vater hörte zu und zu seiner Verstärkung war sein älterer Bruder mitgekommen, der auch ab und zu für ihn übersetzt hat. Der Arzt erklärte ebenfalls, dass sie ihren Kindern eine Chance auf ein gesundes Leben geben sollen und keine Angst vor der Operation haben müssen. Nach der Operation würde das Spital die Zwillinge auch mit weiteren Vitaminen versorgen. Eine solche Operation kostet pro Kind ungefähr 150 000 CFA (360 CHF) und die Therapie danach nochmals ungefähr gleich viel. Wir offerierten, dass unser karitativer Verein Ashia diese Operation und Therapie für beide Zwillinge übernehmen würde, sofern die Eltern damit einverstanden seien. Die Eltern willigten umgehend ein und der Arzt erklärte, dass zweimal pro Jahr operiert wird, er selber mit dabei ist und die Eltern unterstützen wird. Bereits im aktuell laufenden Monat Januar könnten die Kinder operiert werden. Den Eltern hatte bis anhin das Geld dazu gefehlt, auch den Transport ins Spital konnten sie sich nicht leisten. Die Familie hat 6 Kinder, Zouleatu vom Kalenderfoto ist das älteste mit 10 Jahren. Der Vater verdient sein tägliches Brot für die Familie als Taxifahrer mit einem Motorrad. Die Mutter arbeitet während des Tages auf dem Feld, damit die Familie abends Baton de Maniok am Strassenrand verkaufen kann. So bleibt am Tagesende noch ungefähr 5 CHF übrig, um damit die Familie über die Runden zu bringen. Auch diese Familie lebt wie viele weitere Familien in Mayo Darle ohne Strom. Wir freuten uns, dass wir der Familie somit helfen konnten und erwarten gespannt die neuen Bilder der Kinder, wenn sie operiert sind und wie ganz normale Kinder gehen und aufwachsen können.

Die Zwillinge Assana und Ousseni kommen mit ihren Eltern und dem kleineren Bruder ins Spital zur Untersuchung ihrer Beine mit Fehlstellung.
Nach diesem Gespräch sahen wir uns weiter im Spital um, wo die Volontärin Abby aus den USA den Patienten erklärte, wie sie sich zu ernähren haben. Mit einfachen Mitteln wurde eine Ernährungspyramide aufgezeichnet, welche allen schwangeren Frauen bei der Monatskontrolle aufgezeigt wird. In einem winzigen Räumchen wurden die Frauen gewägt und in einem noch winzigeren Räumchen legten sie sich auf ein einfaches Holzbrett, um von den Schwestern untersucht zu werden.
Ein mit Gas versorgter Kühlschrank enthielt wichtige und kühl zu haltende Impfstoffe. Alle drei Wochen muss die Gasflasche ersetzt werden, was jedes Mal eine grosse Investition (20 CHF) ist, denn Gas gibt es erst 60 km weiter in Banyo oder noch viel weiter entfernt in Bafoussam (Halbtagesreise mit dem Bus). In weiteren Räumen wurden Tabletten aufbewahrt, welche von Anti-Malaria zu allgemeinen Medikamenten oder Vitaminpräparaten reichen. Sie zeigte uns eine einige Impfstoffe, welche leider den Transport über diese schwierige Strasse nicht intakt überstanden hatten. Welch ein Verlust für das Krankenhaus. In einem Raum hatten sie ein paar Säcke Erdnüsse gekauft und gelagert. Schwester Evelyne erklärte, dass oft Familien zu ihnen kommen und um Hilfe beten. Diesen gäben sie dann einige Erdnüsse (welche auch aus unserem Spendengeld gekauft werden konnten). Den Entscheid, ob sie es gleich zum Essen benötigen oder ob sie es anpflanzen und auf die Ernte warten können, überliessen sie jeweils den Familien selber.
Trotz diesen einfachsten Mitteln machen alle hier das Beste daraus, den Patienten so gut wie möglich zu helfen. Es muss gespart werden an allen Ecken und Enden. Und sei es nur eine Fotokopie für 12 Rappen.

Mit Dr. Thomas auf Visite im Spital. // Die Patienten und ihre Angehörigen freuen sich über unseren Besuch.
Nach der ausgiebigen Spitalbesichtigung ging es weiter zur Vorschule, welche hinter dem Krankenhaus geführt wird. Zwei Klassen mit je ungefähr 20 Knirpsen begrüssten uns auf Französisch. Die eine Klasse hat Kinder im Alter von 2 ½ bis 4 Jahren und die andere Klasse Kinder von 4 bis 5 Jahren. Dort lernen sie wichtige Dinge für ihr weiteres Leben und für die Vorbereitung zur Primarschule, sie lernen basteln, ein wenig schreiben, lesen, beten gemeinsam spielen oder singen Lieder. Geschrieben wird auf kleinen Tafeln und jedes Kind hatte einen kleinen Kreidestummel in der Hand. Die Lehrerin selbst hatte auf dem Rücken ihr Baby im Huckepack aufgebunden und unterrichtete. Da per Zufall gleich der erste Schultag nach den Ferien war, kam der Polizist des Dorfes zur Inspektion, um zu prüfen, ob alles den Regeln entsprach. Es gab da und dort ein Kind, das am Tischchen eingeschlafen war oder ein Flüsschen Wasser lief ein Hosenbein auf den Boden hinunter ;-) Aber alle schauten sie eifrig nach vorne, sprachen gemeinsam ihre Begrüssungen aus und sangen uns etwas vor.

Im Kindergarten von Mayo Darle. Schon mit 2-3 Jahren wird hier mit Lernen begonnen.
Das Mittagessen war bereits auf dem Tisch, als wir uns danach wieder in die Küche begaben. Wie immer wurden wir herrlich bekocht mit Poulet, Fisch, Yams, Sauce und Plantains. Es schmeckte herrlich, auch wenn wir nicht alle Teile des Poulets verspeisten, wie es die Kameruner tun können. Da knackst es dann jeweils am Tisch, weil der Knochen anscheinend herrlich schmecken soll oder das Mark aus dem Knochen geholt werden muss, weil es so köstlich schmecken soll. Wir hatten während des Essens Zeit, um uns über einige Krankheiten hier zu unterhalten. Vor allem über Buruli wollten wir mehr wissen. Eine Krankheit, welche durch Fliegen am Fluss übertragen wird. Nach einem Stich gibt es eine Beule am Körper, welche innert kurzer Zeit zu einem Geschwulst heranwächst. Wenn dies nicht herausgeschnitten wird, wächst es immer weiter und das Gewebe stirbt ab, bis ganze Körperteile amputiert werden müssen. Während dieses Gespräches erfuhren wir auch, dass Schwester Bernarda die Eltern der Zwillinge schon länger auf eine Operation vorbereitet hat, diese jedoch nie eingewilligt hatten. Wir hatten anscheinend den Anstoss dafür nun geben können und den Zwillingen hoffentlich helfen können.

Gekocht wird draussen auf dem Feuer. // Zu Besuch bei Jean-Claude. Das Leben findet im Freien statt. Imn einem winzigen Zimmer wohnen mehrere Personen.
Nach dem Mittag machten wir uns auf den Weg ins Dorf, um die Mutter von Jean-Claude in ihrer Hütte zu treffen. Sie wartete schon an der Strasse und führte uns durch einige schmale Gässchen und Abwasserkanäle zu ihrer Hütte. Ihre vorherige Bleibe war bei einer Flut der Regenzeit im August 2008 gänzlich überschwemmt worden, weil sie nahe am Fluss von Mayo Darle gewohnt hatten. Freundlich begrüsste sie uns und liess uns hinein. Die Hütte war knapp 4 x 4 Meter gross, zwei Doppelbetten waren darin aufgestellt, in den Ecken standen am Boden einige Töpfe und Schüsseln, an der Decke hingen einige Kleider übereinander. Gekocht wird draussen auf der Feuerstelle, wo sie eine holzsparende Vorrichtung gebastelt haben. Auf das angebotene Essen verzichteten wir dankbar, denn wir konnten ahnen, dass die Familie erstens zu wenig für sich selber hat und zweitens unsere Mägen das nicht gleich gut ertragen würden wie die Familie hier. Wir staunten über die Einfachheit und wie die 6-köpfige Familie hier leben kann.

Die Frauen kommen von der Feldarbeit ins Dorf zurück. // Jean-Claude und Katja.
Den restlichen Nachmittag genossen wir mit einem kühlen Getränk, einer Messe mit den Schwestern in ihrer Kapelle, einem feinen Abendessen und gingen früh zu Bett, um für die Rückreise am nächsten Tag fit zu sein.