Bali Nyonga Wum Bali Nyonga (168 km)
1.1.2009
Früh um 6 Uhr starteten wir unseren Ausflug nach Wum, um Bekannte aus dem vorherigen Jahr zu sehen. Kezia und Kennet sind beide Lehrer in Wum und auch während des Jahres können wir mit ihnen sporadisch per Email in Kontakt bleiben.

Landschaft auf dem Weg nach Wum. Reisfelder und Viehherden schmücken das Landschaftsbild.
Der Weg nach Wum führt über vulkanische Berge, wobei diese bis zu höchstens 800 m. ü. M. sind. Am Strassenrand wachsen meterhohe Elefantengräser, dichter Buschwald mit Bäumen und Palmen sind überall zu sehen. Rinderherden ziehen über die grünen Ebenen und werden getränkt und zu Herden versammelt, um weiter zu ziehen. Die Erde ist staubig rot, überall liegt der Sand auf den Pflanzen. Kinder und Erwachsene gehen oder stehen am Strassenrand oder sitzen vor ihren Hütten und Häusern. Einige kleinere Reisfelder werden von Bauern bewirtschaftet. Wir hielten an mehreren kleinen Märkten, welche höchstens ein paar Bretterstände haben, um uns das Angebot anzusehen. Frischer Fisch aus dem breiten Fluss oder geräucherter Fisch zum längeren Aufbewahren wird angeboten. Im Fluss werden übrigens auch die Wäsche und das Kochgeschirr gewaschen, nebst sich selbst. Kühlschränke sind hier sehr selten zu finden und wenn, dann nur in den kleinen Restaurants. Ein geschlachtetes Schwein lag am Boden, die Beine mit Haaren, als ob es gerade noch umher gerannt wäre. Auch Innereien werden dazu verkauft. Vermutlich wird das ganze Schwein gegessen, soweit es nur geht. Dies ist übrigens bei allem Fleisch so, auch Fisch wird bis auf ganz wenige Resten verspeist oder zum Mittagessen liegt das Poulet mit samt Beinen auf dem Tisch. Der fahrende Bäcker kam aus Bamenda und fuhr in die kleinen Dörfer heraus. Sein demoliertes Auto ist bis zur hintersten Ecke mit Brot gefüllt und wir freuten uns sehr, ihn zu sehen und uns ein köstliches Weissbrot zu kaufen.

Die leuchtend rote Erde fasziniert uns immer wieder... // Juhui, der fahrende Bäcker ist wieder unterwegs. Wir verköstigen uns mit frischem Brot.

Riesige Palmen säumen den Weg. // Ein kleiner Freiluft-Laden, wie man ihn unterwegs oft antrifft.

Wir kaufen vom getrockneten Mot-Fisch am Strassenrand. Auf das geschlachtete Schwein am Boden verzichten wir doch lieber. // Marktgemüse und Früchte.
Gegen 10 Uhr erreichten wir unser Tagesziel Wum und überraschten unsere Freunde mit dem Besuch. In Kamerun ist es besser, spontan zu kommen, weil ansonsten vermutlich schon Stunden oder Tage vorher alles vorbereitet wird und diese Arbeit wollten wir ihnen ersparen. So begrüssten sie uns überrascht und bekochten uns sogleich mit einem feinen Mittagessen und zur Feier des Tages mit einem Tropfen Amarula. In Kamerun Gast sein verhält sich anders als in der Schweiz, jedenfalls bei dieser eher reicheren Familie war es anders. Während des Aufenthaltes war ein hin und her der ganzen Familie, man geht hierhin und dorthin und wir blieben unschlüssig auf dem Sofa sitzen und studierten während dessen das Familienleben. Die Gastgeber tranken nichts mit uns und sie schwirrten umher. Der Fernseher läuft lautstark, so dass eine Unterhaltung führen leicht erschwert ist. Und zwischendurch klingelt das Handy, man ruft jemanden an oder schickt SMS. Für den Neujahrsnachmittag war ein Picknick in Richtung Lake Nyos geplant, wofür sich die Familie schon herausputzte und so war unser Besuch nur von kurzer Dauer. Wir erfrischten uns noch kurz auf der Toilette, wobei ich vor lauter Wirrwarr fast den Ausgang nicht mehr gefunden hätte. Hinter dem Schlafzimmer war ein Waschraum mit Toilette «versteckt» und im Schlafzimmer hingen und lagen überall Kleider, so dass die Türe kaum mehr zu sehen war. Für Schweizer sah dies ziemlich unüblich aus ;-) Es ist schwierig, den Wasserhahn zu öffnen, welcher nur noch auf einer Seite funktioniert und welcher rundherum mit Utensilien verlegt ist, die nicht immer auch in den Waschraum gehören... Wie auch immer, wir konnten unser Geschäft erledigen ;-)

Musizierende Kinder unterwegs. // Gesichter, die Bände sprechen. // Ein uralter riesiger Baum ziert die Landschaft.
Nach diesem Besuch fuhren wir zurück Richtung Bali. Unterwegs spielten Kinder das traditionelle JouJou, wobei sich ein Kind maskiert hatte und zur Musik der anderen Kinder tanzte. Unter der heissen Sonne tanzte er im schwarzen langen Gewand. Dies tun auch die Erwachsenen zu Feiern wie Hochzeiten, Beerdigungen oder anderen grossen Veranstaltungen.
Die Rückreise führen wieder über den gleichen Weg, die Strasse war nur selten geteert und meistens eine holprige Piste. Die Hitze machte uns müde. Plötzlich lag auf der Strasse eine fast überfahrene grüne giftige Mamba. Die Dorfbewohner und wir bestaunten das etwa 1 Meter lange Tier und konnten ihm leider nicht mehr helfen, auf die «Beine» zu kommen (oder sollte es besser heissen, weiter zu schlängeln...?)

Flussüberquerung unterwegs. // Grüne Mamba. // Kinder spielen das traditionelle JouJou.
Weil wir zeitig waren, konnten wir in Bafut sogar noch Schwester Felicitas besuchen, welche wir von Mayo Darle kennen und welche nun seit 7 Monaten nach Bafut versetzt wurde. Als wir auf das Spitalgelände fuhren, kam sie gleich von der Arbeit einer schwierigen Geburt um die Ecke, welche glücklicherweise gut verlaufen war. Sie war freudig überrascht, das Buschtelefon hatte schon angekündigt, dass wir wieder im Land sind. Schwester Felicitas war schon in Mayo Darle die Oberschwester und hat nun in Bafut etliche Schwestern unter sich. Das Medizinzentrum ist richtig gross und es arbeiten 30 Schwestern, 4 Labortechniker, 3 Pharma-Assistenten, 2 Ärzte und 2 Hebammen dort. Einige Gebäude sind sehr neu errichtet worden. Im Monat November 2008 waren rund 200 Patienten betreut worden. Wir durften alle Räume besichtigen. Das Spital ist unterteilt für Männer, Frauen und Kinder. Patienten in Rollstühlen oder an Stöcken mit nur einem Bein und auch teils geistig behinderte Kinder in notdürftig gezimmerten Sitzen begrüssten uns. Viele Kinder wurden bereits an den Füssen operiert, weil sie mit verdrehten Füssen zur Welt kamen. Nach der Operation lernen sie an einem Gestell im Hof mit ihren Prothesen wieder gehen. Das Spital ist vorbildlich sauber geführt, doch auch hier ist die Strom- und Wasserversorgung ein Problem und nicht immer vorhanden. In Bafut werden auch Blinde unterrichtet oder Behinderte können einer Tätigkeit nachgehen, wie zum Beispiel Körbe oder Stühle flechten, Schuhe herstellen oder Rollstühle flicken.
Wir lernten ein junges Mädchen namens Justine kennen, für welches Schwester Felicitas sorgt. Sie ist 24 Jahre alt und hat eine Zellkrankheit, durch welche sie eher kleinwüchsig ist und an einem Stock gehen muss. Sie hat im Spital ihre Ausbildung absolvieren dürfen und war gerade damit fertig, als sie im Heimaturlaub auf dem Feld an der Arbeit vergewaltigt wurde. Nun ist diese junge Frau schwanger und ihr Baby soll in 2 Wochen zur Welt kommen. Wir hoffen, dass alles gut geht, denn mit dieser Krankheit ist es bis lebensgefährlich, ein Kind zu gebären. Schwester Felicitas versprach, uns anzurufen, sobald das Baby da ist. Wir verabschiedeten uns und machten uns auf den weiteren Heimweg.

Im Spital von Bafut. Nebst Operationen werden auch Physiotherapien ausgeführt, Blinde werden unterrichtet und Behinderte aufgenommen und gepflegt.
In Bamenda staunten wir einmal mehr über die Art und Weise des Verkehrs. Dies überrascht jedoch nicht, wenn man weiss, wie hier der Ablauf zur Fahrprüfung von Statten geht. Nach der Theorieprüfung kann man den Lernfahrausweis erwerben und danach jeden Monat 1x zur praktischen Prüfung antreten. Es gibt zwar wenige Fahrschulen, doch die meisten besuchen keine Fahrschule. Man geht zur Prüfung und versucht diese inner 1 Jahr zu absolvieren. Erst nach 12 misslungenen Versuchen wird der Lernfahrausweis entzogen. Viele wählen dann den Weg über das Amt in Bamenda und kaufen sich den Fahrausweis mit Korruption. Von den zahlreichen Mofafahrern hat geschätzt nur jeder 10te einen Ausweis. Solange sie innerhalb der Stadt herumfahren, werden sie nicht kontrolliert. Erst ausserhalb werden überall Polizeikontrollen durchgeführt und entsprechend Autos oder manchmal auch Motorradfahrer zur Seite genommen.
Gegen 16 Uhr waren wir zurück in Bali, begrüssten Gregorys Frau und Kinder in seinem Haus und fuhren danach zu einer erfrischenden Dusche ins Gästehaus. Auf dem Weg sahen wir schon den ganzen Tag über schön angezogene Leute, denn der Neujahrstag wird mehr gefeiert als der Silvester. Das neue Jahr ist da, alle rufen sich gegenseitig Happy New Year und feiern die Ankunft von 2009.
Im Gespräch mit diversen Einheimischen ist uns aufgefallen, wie oft die Menschen «hey people» im Gespräch verwenden. Das heisst dann zum Beispiel «have you people see this...» oder «hey you people come in», worüber wir uns amüsierten.

Müllberge.
Wieder in Bali angekommen wollten wir uns mit den Herren vom vorherigen Tag treffen. Leider hatten sie kein Transportmittel, um nach Bali zu kommen, so dass wir das Treffen verschoben haben. Wir wollten mit ihnen besprechen, wie wir ihrer Schule in Enwen helfen konnten. Unser Plan besteht darin, dass zuerst das Gebäude repariert werden muss, bevor man sich mit Bänken, Schultafeln oder weiteren Hilfsgütern befassen kann. Das Dorf soll eine Offerte einholen, wie viel es kosten würde, um mit Zement die Gebäude stabil zu bauen, dass sie dem nächsten Sturm standhalten. Diese Offerte möchten wir prüfen auf ihre Richtigkeit. Gregory hilft uns dabei, denn er kennt die Preise vor Ort und auch die richtigen Personen, die das Know-How haben, diese Arbeiten durchzuführen. Sobald das Budget feststeht, muss das Dorf einen Anteil davon selber bezahlen können, damit die Arbeit an Wichtigkeit gewinnt und nicht nur ein «Geschenk» wird, das nicht gepflegt wird. Nur wenn die Bewohner selbst mit anpacken, können sie etwas erreichen. Sie sollen besprechen, wie viel Anteil sie selbst bezahlen können und damit loslassen. Einen weiteren Anteil würden wir mit ashia.ch beisteuern.
Während des Tages waren unsere Kleider im Haus von Gregory durch seine Cousine im Teenager-Alter und einen Knaben erledigt. Alles war tiptop gewaschen und sogar gebügelt worden. Hier ist es üblich, dass Verwandte zu den Onkeln und Tanten gehen, um bei der Arbeit zu helfen. Sie helfen im Haushalt oder mit den Kindern. Gemeinsam mit Gregorys Frau, seinem jüngsten Sohn Tobias, seiner Cousine und Gregory fuhren wir zum Abendessen in unser Stammrestaurant gleich neben seinem Small Migros. Heute waren merklich mehr Leute (vor allem Jugendliche) auf den Strassen und feierten das neue Jahr. Fast wie an einem Jahrmarkt wird überall etwas angeboten, an den Strassenrändern stehen kleine Marktstände mit Maniok oder Soja-Spiesschen (Rindfleisch). Man sitzt zusammen und plaudert. Im grossen Kreisel auf dem Dorfplatz standen diverse Autos parkiert. Tobias ist 6 Jahre alt und wollte unbedingt mit uns mitkommen. Doch es war schon spät für den Kleinen und schon nach kurzer Zeit schlief er auf meinen Beinen ein ;-) Tobias wird im Sommer zum ersten Mal in die Schweiz fliegen dürfen, um seine Patentante zu besuchen. Wir hoffen, ihn ebenfalls in der Schweiz begrüssen zu können.
Während des Gesprächs erfuhren wir, dass die Nachbarn vom letzten Jahr noch immer über uns sprechen. Damals hatten diese sich darüber amüsiert, dass wir uns nach dem Anstossen jeweils ein Küsschen geben. Anscheinend haben die Nachbarn eine Gemeinschaftsgruppe, um frisch verheiratete Paare zu schulen. Sie würden diesen Paaren nun immer von uns erzählen und ihnen dies beibringen. Wir haben uns köstlich amüsiert und hoffen, die Nachbarn hier auch noch persönlich treffen zu können.
Danach suchten wir einmal mehr zu Fuss den Weg durchs Dunkel zum Gästehaus, um zu übernachten.
2.1.2009 Bali
Nach einer sehr kalten Nacht wurden wir heute Morgen als erstes im Spital Bali erwartet. Die Schwester hatte etliche Male versucht, uns anzurufen. Da es nicht geklappt hat, kam die Information, dass sie auf uns wartet, per «Buschtelefon» ;-) Sie wollte uns unbedingt noch ein gutes 2009 wünschen. Wie es so ist, wenn man in Kamerun kurz bei jemandem vorbeischaut, wird man gleich bekocht. So stand bereits ein Frühstück auf dem Tisch, welches wir in vollen Zügen genossen. Zu Toast verarbeitete Brotscheiben, Butter, Marmelade, sogar Mayonnaise und von einer Schwester selbst gemachter Käse sowie ein Rührei wurde uns aufgetischt. Vor allem den Käse genossen wir, weil dies hier wirklich äusserst selten aufgetischt werden kann. Wir unterhielten uns über unsere Familien, über die Arbeit und natürlich über unseren Container, auf welchen wir noch immer sehnsüchtig warten müssen. Immer wieder sehen wir, wo unsere Hilfsgüter wunderbar eingesetzt werden können. Doch wir lassen uns vom Kamerunschen stetigen Optimismus anstecken und passen uns dem Tempo und dem Kamerunschen Slogan «Small small chatch the monkey» an. Was soviel bedeutet wie «langsam langsam kannst du einen Affen fangen». Auch wenn das Leben hier für die Menschen hart ist, sie verlieren nie den Mut und die Lebensfreude. Genau dies gefällt uns so. Und immer wieder treffen wir auf Einheimische mit der gleichen Lebenseinstellung und die dem eigenen Volk einfach helfen wollen, soweit es geht. Meist sind dies Klosterfrauen oder Gelehrte, welche sich hier tagtäglich für andere einsetzen und gegen die Armut kämpfen.
Während wir auf dem Marktplatz von Bali einen kurzen Halt machen, genossen wir 5 Minuten, um einfach am Leben teilzunehmen und zu beobachten. Ein Leichenwagen mit Blaulicht stand da. Wir wunderten uns über das Blaulicht, denn für diesen Transport wäre eine Beeilung ja vermutlich doch schon zu spät. Das Blaulicht heisst soviel wie, lass uns an den stetigen Strassenkontrollen passieren ohne zu kontrollieren, wir haben einen Leichnam im Auto.
Ein «Landstreicher» kam am Restaurant vorbei. Er nahm aus den Harassen alle leeren Bierflaschen und kippte die Resten in eine Flasche, um diese dann zu trinken. Schon von weitem sah man ihm an, dass er mausarm sein muss.
Junge Burschen warteten mit ihren Taxis auf dem grossen Platz. Alle hofften sie auf ein Tagesgeschäft oder eine Fahrt in die nächst grösste Stadt Bamenda.
Zigaretten werden in den vielen kleinen Geschäften einzeln verkauft. Manche gehen auch nur ins Geschäft, um sich ihre Zigarette anzünden zu lassen. Unter einem alten Sonnenschirm sass eine alte Frau und verkaufte Cola-Nüsse. Diese Nüsse werden vor allem von Männern gegessen und sollen eine aphrodisierende Wirkung haben. Nur ein paar Brettchen bilden ihren Marktstand. Die meisten Frauen haben künstliche Haarteile, weil die Haarpflege zu aufwändig ist. So haben sie in ihre eigenen Haare eingeknüpfte Zöpfchen oder geglättete schwarze lange Haare.
Abgenutzte Wasserkanister werden auf Mofas oder Autos geladen, bis es keinen freien Platz mehr hat, um damit Wasser zu beschaffen. Alte Herren laufen traditionell in ihren langen Gewändern und geschnitztem Stock über den Platz. 60% der Einwohner hier sind arbeitslos. Man wartet jeden Tag auf ein Geschäft, um über die Runden zu kommen.
Neben den Hütten sind oft Särge von verstorbenen Verwandten vergraben. Auch wenn die aus getrockneter Erde erstellten Hütten nur bescheiden sind, ist der Sarg oft mit glänzenden Plättchen überdeckt und mit einer Inschrift sowie einem Kreuz ausgestattet. Wenn kein Platz mehr dafür vorhanden ist, kann es auch vorkommen, dass nach längerer Zeit eine Hütte darüber erstellt wird. Die Beerdigungsfeier findet manchmal gleich nach dem Tod statt, oft aber erst nach 1 Jahr oder sobald genug Geld für eine Feier zusammengespart ist. Ab und an sieht man Friedhöfe, wo der Staat unbekannte Tote beerdigt oder es sind Friedhöfe von Klöstern oder Kirchen.
Wir machten uns auf den Weg nach Bamenda, um unsere Zeit zu nutzen und weitere Projekte anzusehen. Der Weg führte und zu einem Optiker, welcher Volontär aus dem Kongo ist und den wir treffen wollten, um für unsere in der Schweiz gespendeten Brillen einen guten Platz zu finden. Wir fuhren zu einem Gebäude, wo auch der Zahnarzt seine Praxis hat. Einen Zahn flicken, ziehen oder ersetzen kostet hier etwa 26 CHF. Zuerst muss man bezahlen, danach wird repariert. Welch eine Vorstellung, mit Zahnschmerzen da zu sitzen und kein Geld für eine Behandlung zu haben, wenn doch ein Monatslohn ungefähr 40 bis 100 CHF beträgt.
Nun zurück zum Augenarzt. Dieser hatte seine Praxis inzwischen verlegt, wir fuhren ein paar Kilometer weiter. Dort trafen wir Jean. Er hat eine gute Ausbildung absolviert und nebst Italien auch in der Schweiz lernen dürfen. In einem kleinen Räumchen empfängt er seine Patienten. Seine Arbeit besteht nicht nur aus Augenkontrolle, sondern an den Wänden hängen Schulungsplakate, was die Eltern ihren Kindern zu Essen geben sollen, damit sie genug Vitamine haben und ihre Augen gesund bleiben. Ein Augentest an der Wand sowie ein Augenkontrollgerät und ein weiteres Messgerät waren sein Startkapital, um in Kamerun anzufangen. In einem kleinen Hinterräumchen zeigte er uns, wie er die Gläser ausmisst, schleift und in die Fassungen einpasst. Wir freuen uns über dieses kleine und sauber geführte Geschäft, welches auch mit sehr viel Grosszügigkeit geführt wird. So zum Beispiel dürfen an Weihnachten Schulkinder und Studenten kostenlos ihre Augen prüfen lassen. Dies, weil Eltern kein Geld dafür haben oder meist gar nicht wissen, dass schlechte Augen der Grund sein könnten, dass ihr Kind in der Schule nichts lernt. So kam es auch schon vor, dass ein Kind nicht zur Tafel gesehen hat, der Lehrer es schlug und nach Hause schickte, weil es so nicht am Unterricht teilnehmen konnte und er es für zu faul hielt. Zu Hause wurde es vom Vater geschlagen, weil es nicht mehr in die Schule gehen wollte... Auch erzählte er uns, wie viele Personen ein Auto fahren und nicht genügend Sehfähigkeit haben. So gibt es zahlreiche Unfälle. Wir führten mit Jean ein sehr interessantes Gespräch und erhielten einen kleinen Einblick in seinen Alltag. Er ist auch sehr interessiert an neuen Technologien, welche Kamerun leider immer viel zu spät erreichen. Vor allem wenn man die flaschendicken Brillengläser sieht, merkt man es.

Zu Besuch beim Optiker in Bamenda. Wunderbare Ordnung und einwandfreie Arbeit.
Während diesen 9 Tagen, die wir nun bereits vor Ort waren, überkam uns mittlerweile auch wieder das Gefühl der Machtlosigkeit. Wo man hinsieht herrscht Armut, ein Gewühl von Menschen, arbeitslose Jugendliche, schlechte Strassen, Menschen die auf der Strasse leben... wo soll man anfangen, richtig zu helfen? Und immer wieder findet man Orte, wo Licht ist, wo Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist, wo sauber geführte Plätze sind und Wege in ein besseres Leben führen sollen. Fast immer sind dies von der Kirche, Klostern oder von Missionen geführte Plätze.
Solch ein Platz war auch das als nächstes von uns besuchte Waisenhaus hoch über der Stadt Bamenda. Schwester Johanna begrüsste uns freundlich und zeigte uns, wie sie zu den 30 Kindern im Heim schauen. Im Heim sind nicht alle Kinder Waisen. Es hat auch Kinder, deren Eltern nicht in der Lage sind, für die Kinder zu schauen oder die ihr Leben anderweitig nicht im Griff haben. Nur die kleinsten Kinder waren derzeit im Heim, die grösseren waren mit der Oberschwester in die Stadt gefahren. So sahen wir ungefähr 12 Kinder im Alter bis zu 9 Jahren. Freudig kamen sie uns entgegen, wollten gleich von uns getragen werden, fragten uns nach den Namen, zeigten uns, wo sie spielen und wollten immer wieder von und mit uns fotografiert werden. Fast ausschliesslich waren dies Mädchen. Vermutlich auch, weil Mädchen hier weniger gelten als Knaben... Schwester Johanna erzählte uns, dass sie nebst diesen im Heim lebenden 30 Kindern noch zu weiteren 700 Kindern in der Stadt Bamenda schauen. Dort fahren sie vorbei, helfen bei der Erziehung mit oder unterstützen anderweitig. An den Wänden im Kinderzimmer hing der Tagesplan, aufstehen, Zähne putzen, Frühstück, beten und so weiter. Nebst den engen Kinderzimmern hat es auch eine Kapelle, wo die Kinder beten oder Unterricht erhalten sowie musizieren und singen. Nach einem Rundgang und der Übergabe eines Geschenkes aus der Schweiz verabschiedeten wir uns schon bald wieder, um weitere Projekte zu besichtigen. Bestimmt werden wir wiederkommen. Und der Zufall wollte es, dass wir die leitende Oberschwester wenig später in der Stadt doch noch auf dem Markt trafen und einige Worte mit ihr wechseln konnten.

Kinder im Waisenhaus von Bamenda. Sr. Johanna zeigt uns das Heim und die Umgebung.

Ein schönes Zuhause für 30 Waisenkinder.
Wir fuhren weiter auf den Markt. Mitten in der Stadt stand auf dem Kreisel in drei Sprachen und der bekannten Aids-Schleife der Satz: lasst euch auf HIV testen, bevor ihr heiratet. Hier wird dieses Wort übrigens nicht ausgesprochen. Es heisst dann, er oder sie hat «die Krankheit».
Auf dem Markt wollten wir einige Euro in Kamerunsche Francs wechseln. Auf der Bank kann man dies zwar auch tun, doch die Bank in Kamerun ist weniger zum wechseln gedacht. Erstens ist der Kurs so schlecht, dass man mit dem Verlust locker zwei Monatsgehälter eines Einheimischen decken könnte und zweitens ist die Bank nicht «flüssig» und hat Geld vorhanden. So begaben wir uns damit auf den von Gregory benannten «Schwarzmarkt», welches Wort uns zum Schmunzeln brachte ;-) Es war uns nicht wirklich geheuer, obwohl es nur ein Anteil der Spendengelder und ein Teil von uns privat waren, doch für hiesige Verhältnisse ist es undenkbar viel Geld. Alles verlief problemlos und wir schauten uns auf dem Markt gleichzeitig noch ein wenig um. In einem Viertel wurden traditionelle Gewänder bestickt, welche uns faszinierten. Wir kauften uns endlich unsere gewünschten Gewänder und schauten beim Herstellen zu. Als Weisse erweckten wir damit im Markt allgemeines Aufsehen, von überall schauten die Händler zu und grinsten und an, als wir die Gewänder anprobierten. Nebst langem Gewand und Kopfbedeckung gehört natürlich auch ein Hut dazu. Ganze Familien leben vom Verkauf der Gewänder, welche für Kamerun eher teuer sind. Vater, Mutter und Kind sticken an einem Kleid. Es ist ein Gewühl von Marktständen, die ineinander verkeilt sind und somit sicher über 1000 kleine Geschäfte ergeben. Beim Feilschen um einen guten Preis wurden wir einmal mehr zu Gregorys Familie (gleicher Vater, andere Mutter), um ein faires Angebot zu erhalten. Diese Geschichte wird zwar nicht immer geglaubt, doch der schlussendliche Preis stimmte. Eine Frau erwiderte darauf, warum wir denn wieder in Afrika leben. Ob wir aus Europa wieder ausgeschafft wurden, weil wir falsche Geschäfte getätigt hätten (sprich: Drogendeal) uns somit keinen Whiteman-Preis bezahlen könnten? ;-)

Wir freuen uns, endlich eine traditionelle Tracht unser Eigen nennen zu dürfen. Die ganze Familie arbeitet an einem Kleid für uns. Auf die Stachelschweinkappe verzichten wir und lassen uns stattdessen eine Mütze häkeln.
Zum Vorabend trafen wir uns in Bamenda erneut mit John und Charles, welche uns vor zwei Tagen ihre Schule in Enwen gezeigt hatten. Wir hatten einen Plan überlegt, wie wir weiter vorgehen könnten. So machten wir mit ihnen aus, dass sie uns einen konkreten Kostenplan ausarbeiten sollen, wie viel der Aufbau der eingestürzten Schule sowie die Reparaturen der weiteren Gebäude kosten würde, wenn mit Sand und Zement ein sauberes Gebäude errichten würde. Alle 6 Klassenräume sollen kalkuliert werden. Die zwei Männer teilten uns mit, dass sie höchstens 1 Woche dafür bräuchten und uns anrufen würden, sobald sie dies aufgelistet hätten. Des Weiteren unterhielten wir uns über Probleme im Land. Die Regierung hatte ja 10 Mio. CFA (rund 24 000 CHF) geschickt, um eine Schule zu errichten. Doch damit wurde nur ein kleines Gebäude errichtet. Wie bereits erwähnt war der Rest der Korruption verfallen. Der Inspektor, der von der Regierung vorbeikam, um das Gebäude zu prüfen, war ebenfalls korrupt. Er hat das Gebäude besichtigt, einen Rapport erstellt, alles für gut geheissen und unterschrieben. Somit war die Sache erledigt. Weitere Probleme sind die Diskriminierung einiger Landesteile. So zum Beispiel haben einige Teile riesige Schulen und über 10 Lehrer der Regierung. Enwen hat nur 1 staatlichen Lehrer, welcher Rektor ist. Dessen Gehalt beträgt 330 CHF. Die 2 weiteren vorher vorhandenen staatlichen Lehrer wurden an andere Orte verwiesen. Die aktuell vor Ort arbeitenden weiteren 2 nicht staatlichen Lehrer werden PTA (Parents Teacher Assocciations) genannt (werden durch Eltern bezahlt) und haben ein Gehalt von rund 120 CHF. In eine staatliche Schule kann ein Kind kostenlos gehen. Die Eltern müssen ihm eine Uniform, einen Sportanzug, 1 kleine Schreibtafel, Kreide, zwei Exercise-Bücher (schreiben und lesen), einen Schreiber, ein Lineal und einen Schulsack finanzieren können. Die Kinder werden zweisprachig geschult, in Enwen heisst das als erste Sprache Englisch und als Zweitsprache Französisch. Zum Thema Korruption wäre noch zu erwähnen, dass die gleiche Problematik mit den Strassen ist. Einige Teile sind wunderbar ausgebaut und geteert, andere Landesteile werden schwer vernachlässigt. Vor allem der englischsprachige Teil. Und bis ganz nach oben ziehen sich diese Korruptions-Probleme weiter, denn von den insgesamt 56 Ministern des Landes ist nur 1 Person aus der englischsprachigen Nordwest-Region. Erwähnenswert dabei ist, dass dies eine junge ledige Frau ist, welche als Kulturministerin im Amt ist und in der Opposition ist. Von den insgesamt 10 Regionen Kameruns sind 2 Regionen Englisch sprechend, in welchen Gebieten wir uns vor allem aufhalten. Es ist schwierig für den Englisch sprechenden Raum mitzuhalten, wenn dieser vernachlässigt wird. Kinder erhalten zu wenig Schulen, zu viele Kinder sitzen in einer Klasse, weil zu wenig Lehrer zur Verfügung gestellt werden. Die Kinder können zu wenig einzeln betreut werden, zu viele Kinder fallen somit durch die Klassenarbeiten und haben nicht die gleichen Chancen wie anderswo. So dreht sich die Spirale weiter.
Trotz alledem wollen wir weiter vorwärts schauen und sahen die mit Erwartung gefüllten Augen der zwei Herren, als sie unseren angebotenen Strohhalm packten und bis zum nächsten Treffen eine Kalkulation ausarbeiten werden. Endlich kam jemand, der sich für ihre Probleme interessierte und ihnen vielleicht sogar dabei helfen wird, sie zu verringern. Wir erwarten gespannt die Kalkulation, um weitere Schritte zu besprechen.

In Bamenda ist immer etwas los... // Auf dem Zentrumsplatz von Bali-Nyonga stehen einige Telefon-Kabinen. // Bali-Nyonga mit Blick aufs Internet-Kaffee.
Nach einem feinen Abendessen bei Gregory und seiner Frau Angeline zu Hause (der gekaufte getrocknete Fisch vom Vortag war zubereitet worden, von welchem wir noch bis kurzem gedacht hätten, dass wir ihn bestimmt nicht anrühren...) gingen wir nach einem Feierabendbier und einigen tiefgründigen Gesprächen über den heutigen Tag früh zu Bett. Die Geschichten sollten ja noch in den Laptop getippt und die Bilder des Tages gesichtet werden, um für den Besuch im Internetkaffee vom nächsten Tag parat zu sein.