© 2007 by www.brainstormers.ch

Kamerun Reisebericht Cameroon

Wum – Lake Nyos – Wum – Bali Nyonga (etwa 185 km)


2. Januar 2008

Nach einer mehr oder weniger schlaflosen Nacht, deren lautstarke Musik erst um 5.30 Uhr abgestellt wurde, wurden wir um 6.20 Uhr beim Hotel MorningStar abgeholt. Die letzte  Bierleiche kam noch aus dem Wachhäuschen getorkelt und begann langsam, den Platz vom Müll der letzten Nacht zu räumen. Gregory fuhr uns zu Keneth und Keisia, sie hatten uns zum Frühstück eingeladen. Es gab Spaghetti und Brot, welch ein Festessen, und das schon am Morgen früh! In Kamerun ist es üblich, eine warme Speise schon am Morgen zu sich zu nehmen. Da wir eine strenge Reise vor uns hatten, hatten sie Mitleid mit uns und bekochten uns reichlich. Danach trudelte nach und nach ein Mofaboy um den anderen ein, die uns zum Lake Nyos fahren sollten. Nach Lake Nyos und zurück sind es etwa 85 Kilometer. Der Weg ist teilweise so schlecht, dass mit einem Auto keine Möglichkeit mehr besteht, dahin zu kommen. Wir montierten Sonnenbrille, Pullover und Halstücher bis über die Nasenspitze und die Fahrt konnte beginnen. Sogar einen Mofahelm hatten sie für mich aufgetrieben. Er passte mir zwar gar nicht auf den Kopf und war so gross, dass ich ihn die meiste Zeit fast verloren habe und immer wieder festziehen musste.


  

Die lange Fahrt mit den Mofas zum Lake Nyos kann beginnen...


Die Anfangsfahrt war in einem gemächlichen Tempo, so dass der erste Fahrer zum letzten meinte, er solle doch etwas mehr Gas geben, sonst würden wir 5 Stunden für eine Fahrt dahin benötigen und nicht nur 2,5 Stunden. Erst dann merkten wir, dass dieser vorsichtige Fahrer das erste Mal auf einer unebenen Piste gefahren ist und mächtig Respekt hatte, zügiger zu fahren. Ich vergewisserte mich mehrmals, ob wir es wirklich bis zum Abend wieder zurück nach Wum und bis nach Bali schaffen würden. Erst nachdem beide Mofafahrer mir unabhängig voneinander die gleiche Antwort gaben, dass wir es schaffen würden, glaubte ich selber auch wieder daran. Denn jedes Mal wenn ich fragte, ob es noch weit sei, meinten sie, ja, es ist noch sehr weit...


Auf dem Weg zum Lake Nyos begegnen uns einige Hirten mit ihren Herden. Ansonsten ist diese Gegend ziemlich einsam.


Das Wetter sah aus, als ob es zu regnen anfangen würde. Wir fuhren die Vulkanhügel hoch und es wurde recht kühl. Die Gegend wirkte ganz mystisch inmitten starkem Nebel. Hügel auf und ab, Berge hoch und runter, und der Weg wurde immer steiler. Teils so steil, dass wir zu Fuss etwas gehen mussten, weil es mit den 150 ccm-Mofas zu gefährlich wurde. Vereinzelt hatte es Hütten oder Menschen unterwegs in dieser abgelegenen und einsamen Gegend, die sonst sehr ausgestorben wirkte. Die Einheimischen meiden diese Gegend, wenn es irgendwie geht. Ihnen ist die ganze Geschichte um dieses Unglück am See von 1986 bis heute nicht geheuer und ihnen ist es lieber, wenn sie nicht in die Nähe müssen. Sie stellen sich zum Teil die mystischsten Geschichten oder sogar einen Atombombenanschlag der USA vor, die das Unglück ausgelöst haben soll.


Damals waren 1700 (offizielle Zahl, inoffizielle Zahl 6000!) Menschen gestorben. Am 21. August 1986 gegen 21.30 Uhr setzte der Nyos-See schlagartig rund 1,6 Millionen Tonnen CO2 frei. Das Gas strömte in nördliche Richtung in zwei nahe liegende Täler und tötete Menschen und Tiere in bis zu 27 km Entfernung vom See. Der Auslöser für diese plötzliche Ausgasung ist nicht bekannt. Die meisten Geologen vermuten einen Erdrutsch, einige glauben, dass ein kleiner Vulkanausbruch die Ursache war.


Nach der Katastrophe wurden die betroffenen Dörfer evakuiert und die Region zum Sperrgebiet erklärt. Der See ist ein Kratersee. Einige Hirten mit ihren grossen Rinderherden passierten unseren Weg. Nach etwa 2,5 Stunden erreichten wir tatsächlich Lake Nyos. Der letzte Anstieg wollte zu Fuss gemeistert werden. Der Platz um den See wird von Soldaten bewacht. Wir mussten uns dort vor einem Gebäude an einen Tisch hinsetzen und unsere Pässe zeigen. Sie wollten wissen, was wir wollen und ob wir beim Minister eine Besuchserlaubnis eingeholt hätten? Da wir keine Ahnung davon hatten und auch keine Besuchserlaubnis, tischte ihnen unser Mofafahrer die Geschichte auf, dass wir nur Touristen sind und einen kurzen Halt hier machen wollen, so dass wir am Abend wieder in Bali bei unserem Freund im Spital sein können (welcher Freund, fragten wir uns...? Glücklicherweise weilte niemand von uns im Spital!).  Mit dieser Geschichte wollte verhindert werden, dass wir allzu viel Bürokratie und Palawa ( = Probleme) bekamen. Auf alle Fälle funktionierte dies und wir durften mit bewaffneter Begleitung an den See. Er hat einen Durchmesser von etwa 1800 m und ist etwa 200 m tief. In der Mitte hat es einen Springbrunnen, um das Wasser zu belüften.


  

Am Lake Nyos. Unvorstellbar, dass hier diese Katastrophe passiert sein soll.


Heute hat es eine Messstation mit einem Alarmierungssystem. Falls es nochmals zu einem Gasaustritt kommen sollte, könnten die Menschen flüchten in höhere Gebiete.  Wir stiegen den sehr steilen Pfad zum Ausfluss des Sees hinunter. Es sollen sich Schlangen im Gebüsch aufhalten, deshalb wurden wir von dem bewaffneten Soldaten begleitet. Der Ausfluss ist einige Meter unterirdisch und danach ein kleiner Wasserfall. Erst seit dem Unglück wurde der Ort zu einem speziellen Ort. Vorher wollte niemand an den Lake Nyos.


    

Das Alarmierungssystem für den Notfall. Wir steigen den steilen Pfad zum Ausfluss hinunter.


  

Unsere Töff-Boys erkunden mit uns Lake Nyos.


Nach dieser Besichtigung fuhren wir wieder mit den Mofas zurück nach. Wir waren nach dieser Fahrt mitten durch die staubige Gegend so schmutzig, dass kaum mehr etwas an uns sauber war. Die Hose braun, der Pulli staubig braun, Sonnenbrille, der ganze Rucksack, das Halstuch, Ohren und Augen, unsere Köpfe... alles war voller Sand und Staub! Sogar durch die Schuhe hindurch bis durch die Socken an den Zehen war Schmutz. Unvorstellbar, dass die Mofafahrer diese Strecke ohne Sonnenbrille gefahren waren...


  

Nach der anstrengenden Mofafahrt waren wir schmutzig bis über beide Ohren...


Gregory, Keisia und Keneth waren froh, uns heil wieder zu sehen. Sie hatten anscheinend doch etwas Angst gehabt, dass uns etwas zustossen könnte und auch, dass das Wetter zu regnen beginnen würde.


Herzliche Gastfreundschaft bei der Familie von Keisia und Keneth.


Keisia und Keneth hatten uns grosszügigerweise schon wieder zum Mittagessen eingeladen. Keisia betete für uns ein wunderschönes Gebet, dass sie für den Besuch dankt, für die Speisen und Trank und dass wir weiterhin eine gute Reise haben werden. Wir konnten uns kaum genug für diese Gastfreundschaft bedanken und liessen als Dank einige spezielle Geschenke aus der Schweiz bei ihnen. Keneth freute sich wie ein kleiner Junge über ein kleines Radio und ein Schweizer Käppi mit aufgestickten Edelweiss.


Auf der Rückfahrt von Wum nach Bali begegneten wir einer Frau, welche ein total verrissenes Shirt trug. Hier sahen wir oft Menschen mit löchrigen Kleidern. Wir schenkten ihr spontan ein neues Shirt.


Die Erde zwischen Bafut und Bali ist teilweise leuchtend rot, es war ein toller Anblick und wir knipsten etliche Fotos als Andenken.


  

Leuchtend rote Erde zwischen Bafut und Bali, ein herrlicher Anblick!


Das Feierabendbier gab es in Bali im Picadally. Gemeinsam mit Gregorys Frau Angeline und später stiess noch ein Nachbarehepaar dazu, hatten wir einmal mehr einen äusserst gemütlichen Abend im Dunkeln. Die Nachbarin interessierte sich sehr für die Schweiz und kannte von der Schweiz eigentlich nur die Alpen und dass wir viele Banken haben :-) Sie hatte an diesem Abend einen starken Schnupfen und mit unserem Japanöl konnten wir ihr bald helfen, dass ihre Nase wieder frei war. Da Kameruner wahrscheinlich höchst selten Medizin einnehmen, wirkt jedes Mittel gleich mehrfach gut bei ihnen. Kameruner küssen sich eigentlich nie an der Öffentlichkeit. So kam es, dass sie uns abschauten, wie wir uns als Paar nach dem Prosten ein Küssli gaben und das auch so taten wie wir. Bald freute sich die ganze Runde an den Küssli und Gregory meinte, er würde das jetzt in seinem Land als neue Tradition einführen.


  

Im Feierabendbier mit Gregory und seiner Frau Angeline.


Die Esskultur in Kamerun ist ebenso speziell. Häufig wird mit der linken Hand direkt vom Teller gegessen. Fufu oder Ndole (spinatähnlich) wird vermantscht und laut schmatzend genüsslich gegessen. Es gibt keine Resten im Teller nach dem Essen. Fisch wird bis aufs allerletzte gegessen, so dass nur noch die nackten Gräten übrig bleiben. Kopf und Schwanzflossen werden verspeist. Knochen werden bis aufs Letzte abgekaut. So kam ich mir des Öfteren sehr heikel vor, weil ich nach dem Essen noch ziemlich viel auf dem Teller hatte, was Einheimische alles aufessen würden. Oder es kam vor, dass die Einheimischen unsere Reste aufassen, was genauso unangenehm war für mich.


In Keneths Familie haben die 4jährigen Zwillinge schon zwei riesige Teller Reis gegessen. Eine Menge, die kaum ein Erwachsener bei uns essen kann! Dies ist vermutlich ein Zeichen des Wohlstandes seiner Familie. Und trotz des Wohlstandes und dem sehr gepflegten Haus gab es auch dort kein Toilettenpapier und kein fliessend Wasser auf dem WC.


Der Vater wird in Kamerun sehr wichtig als «Head of Family» (Familienoberhaupt) angesehen. Kinderlose Ehepaare gibt es vermutlich keine, alle haben mindestens 4 Kinder. Wenn jemand vorgestellt wird geschieht das oft ohne Namen. Es heisst dann, das ist meine Schwester/mein Nachbar und so weiter. So kann es vorkommen, wenn man nicht aufpasst, dass man Stunden gemeinsam verbringt und danach nicht einmal den Namen der Leute kennt. Und nach einer gewissen Zeit war es mir dann jeweils eher peinlich, noch nach dem Namen zu fragen, so dass ich später unter vier Augen jemand anderen nach den Namen der Personen fragte.


Wenn man bei Bekannten vorbei fährt, wollen diese immer für einen kochen. Nur grüssen und hallo sagen geht nicht wirklich. Es gehört sich, immer etwas aufzutischen.


Man ruft sich als Einheimischer auf der Strasse gegenseitig mit «psps» oder «Mami» (für Frauen). Auf diesen Zischlaut reagieren alle sofort und drehen sich nach dir um.


Holz suchen gehört zur Arbeit dieses Knaben.


Leere Flaschen und Leergut sind sehr begehrt. Es kann vorkommen, dass eine leere Flasche Alkohol auch 1 Jahr später noch aufbewahrt wird und bewundert wird. Leere PET-Flaschen werden extrem gerne genommen. Einmal habe ich ein Shirt aus einem Plastiksack verschenkt. Glücklicherweise zerriss ich den Beutel nicht, denn erst als sie mich um den (für mich) Abfall bat und sich danach mehrfach bedankte, merkte ich, wie wichtig selbst ein leerer Beutel sein kann.


Zeit hat jeder und überall. Wenn Besuch kommt, sitzt man mit uns oder fährt herum und zeigt uns Sehenswürdigkeiten. Die Zeit wird dann auch oft von Polizisten oder Security «totgeschlagen». Bei Kontrollen wollen sie ihre Macht zeigen und schwätzen dann ellenlang unnötige Bürokratie oder wollen Ausweise prüfen. Den Polizisten, die uns freundlich gesinnt waren und ohne grosses Aufhebens bei den Zollstellen durchliessen, haben wir oft Kugelschreiber geschenkt. Sozusagen eine Erziehungsmassnahme. Sei lieb zu mir, so bin ich lieb zu dir.


Nach der anstrengenden Tagesfahrt gingen wir schon früh zu Bett.



<< zurück nach oben

>> auf der nächsten Seite weiterlesen