Mamfe Widikum Batibo Bali Nyonga (98 km)
30. Dezember 2007
Am Morgen früh um 6 Uhr ging die Fahrt weiter. Es war noch stockdunkel und wir hatten immer noch keinen Strom. So packten wir mit Hilfe von Taschenlampen und Kerzen all unsere Sachen zusammen und stopften das Auto voll. Kurz nach Mamfe wurde die Strasse immer schlechter und schlechter. Zum Teil gingen die Löcher tatsächlich bis 6 Meter tief in Sand und Dreck, so etwas hatten bis bisher noch nicht gesehen! Diese Strasse ist in einem unvorstellbar schlechten Zustand für uns. Unzumutbar für die Menschen, die dort leben. In den Wäldern stehen bis 8 Meter hohe Bananenstauden. Wir sahen einen wunderschönen Sonnenaufgang über einer alten Brücke, die einmal die Kolonialisten erbaut haben.

Früh am Morgen geht die Weiterfahrt los. Die schlechtesten Strassenverhältnisse trafen wir zwischen Mamfe und Widikum an.
Überall am Strassenrand standen Kinder, die gewunken haben und White Man gerufen haben. Die Erwachsenen grüssten schon von weitem mit «Happy New Year» und winkten uns ebenfalls freundlich zu. Teils haben wir angehalten und mit den Menschen gesprochen. Viele von ihnen waren unterwegs zur Sonntagsmesse in ihren schönsten Kleidern. Auf der Strasse fuhren etliche überladene Lastwagen über die schlechte Piste. Ab und zu hatte ein Lastwagen Bohnen oder Maiskörner verloren, welche die Frauen stundenlang vom Boden auflasen und in ihre Dörfer brachten. Aus dem dreckigen Boden wird in grossen Gruppen jedes einzelne Korn oder Bohne gesucht und mitgenommen.

Wasser holen gehört zur Arbeit der Kinder. Diese «Hütte» ist eine Kirche!
Gregory hat auf dieser Strecke einen Bekannten. Wir grüssten ihn kurz und er hat uns spontan eine kühle Flasche Topampelmousse geschenkt, das einheimische Süssgetränk.

Noch mehr Kinder, die von allen Seiten angerannt kommen und fotografiert werden möchten.

Kaum angehalten ist das Auto umringt von Einheimischen.
Die Wege zu den Farmen der Bauern sind nur kleine Trampelpfade durch das Dickicht. Wenn kein Auto den Weg passieren würde, wäre die Strasse innert 4 Wochen zugewachsen!
In Widikum machten wir einen Halt, um Mittag zu essen. Es gab Antilope. Wir verzichteten auf die Antilope, weil es nicht ganz europäischen Mägen entspricht, wenn das Fell noch an dem Fleisch zu sehen ist. So assen wir einmal mehr Reis mit roter Sauce und dazu gab es Bohnen. Im Restaurant lungerte ein kleiner Junge umher, wohl der Sohn des Besitzers. Per Zufall erblickte er unsere neuen Kinderschuhe. Der Junge war barfuss unterwegs. So entschieden wir, ihm ein paar Schuhe zu schenken. Er ging sich eiligst die Füsse waschen und dann zog ich ihm die neuen Schuhe an. Der etwa 10 jährige Knabe zitterte am ganzen Körper vor Freude und hatte ganz kalte Hände. Welch besonderer Tag in seinem Leben muss das gewesen sein! Vor lauter Freude konnte er gar nichts mehr sagen und stand ganz einfach da in seinen neuen Schuhen und strahlte.

Was auf den ersten Blick idyllisch aussehen mag, ist hartes Leben auf dem Land, ohne Strom und fliessendes Wasser weit weg...
Der Weg wurde immer hügeliger und wir kamen in die Berge. Langsam wechselte sich die Landschaft von Busch- zu Grasland. Wir sahen oft stehen gelassene Autos, die wegen Pannen nicht weiterfahren konnten und dort verrosteten. Teils auch ausgebrannte Autos oder Lastwagen, die Petrol von Nigeria geschmuggelt hatten. Damit es nicht gefunden wird, hatten sie das Petrol zuunterst gelagert, was dann bei diesen heissen Temperaturen zu brennen oder explodieren anfing und zu schrecklichen Unfällen führte.
Die Kinder der Region hatten oft auch Angst von uns, weil sie vermutlich selten oder noch gar nie Weisse gesehen haben. So rannte vor uns öfters ein Kind so schnell davon, wie es nur konnte. Oder es verschwand mit einem Satz im dicken Gebüsch des Strassenrandes und wir konnten es nicht mehr sehen.
Um 16 Uhr hatten wir Bali erreicht. Wir durften uns in Gregorys Haus einquartieren und erfrischen. Beim Duschen mussten wir immer höllisch aufpassen, dass die Türe genug mit Tüchern abgedichtet war, ansonsten lief das Duschwasser bis ins Schlafzimmer und unter dem Bett entstand ein kleiner See. Mehr als einmal mussten wir so unsere Bettlaken wieder trocknen lassen. Direkt hinter dem Haus von Gregory ist sein Vater beerdigt. Ein schönes Grab mit hellblauen Platten. In Kamerun gibt es nicht immer Friedhöfe, sondern die Toten werden bei den Häusern begraben.

Die Piste führt durch üppig grüne Landschaft mit Palmenwäldern.
Nach unserer kalten Dusche waren wir zu einer Beerdigung eingeladen. Emanuels Vater war gestorben. Emanuel ist ein guter Freund von Gregory. Schon bei der Strasse war ein grosses Banner zwischen beiden Strassenseiten aufgespannt, auf dessen die Beerdigung angekündigt wurde. Alle Familienmitglieder hatten den gleichen Stoff für die Kleidung an. Ich erhielt den Gürtel der Tochter des Verstorbenen und gehörte somit als Familienmitglied dazu. Wir durften alles mitverfolgen und waren mittendrin. Zuerst gab es ein gekochtes Ei zu Essen und dazu Rotwein oder Palmwein. Alle wollten uns überall noch mehr zu Essen anbieten. Laute Musik auf Holzxylophon und einheimischen Musikinstrumenten spielte, es wurde getanzt, alle waren wunderschön farbig festlich gekleidet und aus Gewehren wurde in die Luft geschossen. Von einem Balkon aus verfolgten wir die Tänze mit den Juju’s, verkleidete und maskierte Tänzer. Diese haben eine grosse Bedeutung. Bei Beerdigungen sollen sie die Seele der Verstorbenen zum Palast des Fons tragen.

Die Senioren auf der Beerdigung begrüssen uns fröhlich. Es wird getanzt und gesungen und die bösen Geister mit dem Juju vertrieben.

Lautstarke Musik am Holz-Xylophon von Emanuel. Gregory schiesst, wie es auf einer Beerdigung üblich ist, mit dem Gewehr in die Luft.
Das Foto des Verstorbenen wird tanzend während der Zeremonie umhergetragen.
Deren Kostüme bestanden aus Holzmasken und Federkleidern. Sie tanzten bestimmt 30 Minuten lang bei brütender Hitze barfuss auf dem sandigen Boden, der Staub wirbelte nur so hoch. Die Juju-Tänzer waren die besten aus Kamerun, wurde uns gesagt. Sie waren zuvor noch in Frankreich eingeladen gewesen. Und immer wieder wurden Bilder des Verstorbenen mit den Tänzern mitgeführt und gezeigt. Die Beerdigung ist eine fröhliche und mehrtätige Zeremonie. Getrauert wird im engsten Familienkreis. Sollte kurz nach der Beerdigung erneut ein Familienmitglied sterben, so heisst das, es wurde an der vorhergegangenen Feier zu wenig gefeiert und die Leute werden mit einem erneuten Todesfall bestraft.

Die besten Juju-Tänzer des Landes sind anwesend und tanzen halbstündig in der brütenden Hitze, so dass der Staub nur noch umherfliegt.
Eine Beerdigung ist eine fröhliche Zeremonie.
Das Nachtessen assen wir im Restaurant in Bali. Wir assen Yams mit Fisch und roter Sauce. Die Küche ist nur ein einziger Herd mit 4 Platten im Hinterraum. Dementsprechend lange dauerte es, bis alle von uns etwas zu Essen bekamen. Die Toilette ist direkt neben der Küche und die Spüle funktionierte nicht. Mit einem Schraubenzieher kann man den Wasserhahn öffnen, um die Hände zu waschen. Zusammen mit weiteren Schweizern, die wir in Bali kennen gelernt hatten, verbrachten wir einen gemütlichen Abend und tauschten unsere Erlebnisse und Gedanken aus.