Yaounde Ebolowa (156 km)
8. Januar 2007
Am Morgen sind wir im Zug (Fahrt von Ngaoundéré nachYaounde) erwacht. Es wurde langsam Tag draussen und wir haben schon die ersten Palmen und Bäume gesehen. Es wurde immer grüner und wir sahen auch wieder Flüsse. Eine Weile fuhr der Zug parallel zum Sanaga, einem sehr breiten Fluss. Der Sanaga ist mit einer Länge von 918 Kilometern der längste Fluss in Kamerun.
Als der Zug in Yaounde einfuhr, durchquerte er sehr ärmliche Siedlungen. Man hatte das Gefühl, man fährt den Menschen direkt durch die Wohnung, so nahe sind die Hütten an der Bahnlinie. Die Hütten haben teils nur einen Vorhang und keine Türen oder Fenster. Sehr viele Kinder bettelten nach den leeren Wasserflaschen und wieder hat es gewimmelt von Verkäufern mit Waren auf dem Kopf.

An jedem noch so kleinen Bahnhof wird etwas verkauft.
Grosses Gedränge bei der Ankunft in Yaounde.
Gegen 10 Uhr erreichten wir Yaounde, die Hauptstadt von Kamerun. Endlich konnten wir unseren mittlerweile eher miefigen Zugwaggon verlassen. Wir hatten Glück, dass unser Schlafwagen am Anfang des Zuges war, denn beim Aussteigen hatte es erneut eine grosse Menschenmenge, die aus dem Zug stieg. Nach Verlassen des Bahnhofgebäudes mussten wir unser Billett wieder abgeben.
Als die Zugtüre geöffnet wurde, sind zuerst die Kofferboys von draussen hereingestürmt. Es geht darum, etwas Geld verdienen zu können und sie haben sich geschnappt, was es zum Transportieren gab. Hunderte von Taxis rufen «Douala» oder «Bamessing» und wollen die ausgestiegenen Passagiere weiterbefördern. Es ist eine grosse Aufregung, wenn der Zug ankommt. Ein riesiges Gewühl von Kind und Kegel oder Ziegen auf dem Rücken. Bis zu drei Kübel mit Esswaren transportieren die Menschen mühelos auf dem Kopf. Auch hier hat es wieder viele verstümmelte Menschen. Einer musste fast wie ein Tier auf allen Vieren das Bahnhofsgebäude verlassen, durch alles durch und über den staubigen Platz, es war ein trauriger Anblick.
Nach einer Weile fanden wir auch unseren zweiten Chauffeur André. Er war nicht gerade redselig, sondern hat uns kurz gegrüsst und dann sind wir schon Richtung Auto und haben die Koffer darin verstaut. Wir wurden auch während der Fahrt nicht so richtig warm mit ihm. Wir haben Gregory vermisst...
Die Stadt Yaounde entspricht nicht ganz unserem Geschmack. Nach all den einsamen und verschlafenen Orten der vergangenen Tage fühlen wir uns hier nicht wohl. Es wimmelt von Menschen, überall gibt es etwas zu kaufen, entweder in den kleinen Hütten am Strassenrand oder bei den Strassenhändlern. Es ist sehr viel Verkehr und Stau, 3-spurig führt die Hauptstrasse durch die Hauptstadt, überall Gehupe und Lärm. Sehr krass sahen wir die Gegensätze zwischen arm und reich. Die, welche ein wenig Geld besitzen, zeigen es gerne mit Goldketten oder Markenkleidern und teuren Handys. Daneben sitzen alte Männer am Boden und betteln.
Riesige Müllberge häufen sich. Der Müll, meistens aus Plastiksäckli und PET-Flaschen, wird mit Schubkarren zur Seite gehievt. Eklige schlammige Berge. Zum Teil stapfen Kinder darin herum und suchen etwas Brauchbares.
Die Müllberge von Yaounde.
Es wimmelte von gelben Taxis, Grossfamilien, Mütter mit kleinen Babys auf dem Rücken, kleine knapp 5-jährige Mädchen mit ihren kleinen Geschwistern auf dem Rücken. Sozusagen keine Frau hat nicht noch ein Baby in einem Tragtuch eingewickelt mit dabei. Auf einem Fussballfeld trainieren einige sportliche Männer.
Auf dem Markt gibt es alles Mögliche: Matratzen, Möbel, CDs, Taschentücher, Parfüm, Uhren, Sonnenbrillen, Reifen und Felgen, Kleider, Töpfe und andere Gefässe, Hüte, Besen oder Fussbälle. Alles liegt am Boden, hängt irgendwo oder ist auf einem Holztisch unter einem kleinen Sonnenschirm aufgetürmt und von Staub umgeben. Auch Früchte wie Mango, Papaya, Ananas und Gemüse, Parisette-Brote und Fleisch. Überall gibt es die Frisör-Häuschen. Für 200 CFA (1/2 SFR) kann man sich die Haare schneiden lassen. Und an jeder Ecke hat es Call-Boxen zum Telefonieren oder um Kredit für das Handy zu kaufen. Medikamente werden Korbweise und teils ohne Verpackung angeboten. Man weiss nicht so genau, für oder gegen was...
Die Landschaft ist üppig grün mit Büschen und Bäumen sowie Sträuchern und Blumen. Überall wächst etwas, Bananenbäume, Palmen und Wiese, die Erde ist rot gefärbt.
Als wir in Yaounde noch eine kühle Erfrischung zu uns nahmen und ich zur Toilette musste, hat sich die Bedienung schon vor meinem Toilettenbesuch dafür entschuldigt, wie es aussieht. Was kommt da wohl wieder auf mich zu, fragte ich mich. Einmal mehr ein Hinterhof, eine Mauer, ein Holzbrett zum Davorziehen, Freiluft, ein Loch und ein stinkender Geruch. Na ja, im Zug war es etwa ähnlich gewesen.
Wir sahen sehr viel abgerodetes Tropenholz. Die grössten Bäume werden gerodet. Wir befürchten für Europa. Teilweise haben die Bäume so grosse Durchmesser, dass nur drei davon auf den grossen LKWs Platz finden.

Abgerododetes Bäume mit riesigem Durchmesser.
Die Landschaft im Süden ist grün und verwachsen.
Jetzt fahren wir auch nicht mehr in so einem gepflegten Auto. Die Frontscheibe hat mehrere riesige Risse wie die meisten Autos hier. Es gibt mir oft zu denken, wie lange es wohl noch hält. Vorsichtshalber habe ich schon etwas dagegen gehalten, als uns Steine von einem LKW entgegen flogen. Hinten fehlen die Kurbeln, um die Scheiben herunterzulassen. Teils sieht man auch Autos ganz ohne Scheiben herumfahren. Sie haben dort einfach einen Plastik darüber geklebt.
Weil wir in Yaounde ausser dem sehr teuren Hilton keine passende Unterkunft fanden, beschlossen wir, weiter nach Ebolowa zu fahren. Nach Ebolowa führt eine sehr gute Strasse. Zweimal mussten wir bei den Polizeikontrollen anhalten und diskutieren. Leider fehlt dem jetzigen Fahrer der nützliche Aufkleber der Presbyterian Church, der uns vermutlich vorher viele Diskussionen erspart hat, und so haben wir immer wieder Probleme. Beim ersten Aufhalten hat uns anscheinend eine Vignette gefehlt. Als der Fahrer alleine unterwegs war, also ohne “reiche“ Weisse, hatte er keine Probleme. Die Polizisten erhoffen sich, so etwas zu verdienen. Sie können nicht verstehen, dass wir im Land sind, um zu reisen. So ein Luxus kennt hier niemand. Sogar den Gelbfieberausweis mussten wir einmal zeigen, einfach damit noch etwas gezeigt werden muss, obwohl die Polizei diesen Ausweis gar nicht kontrollieren darf. Unser Chauffeur schien uns dem nicht gewachsen zu sein, er begann zu schwitzen und wurde immer kleiner vor den Polizisten. Trotz allem behielt er immer seine zwei Ohrstöpsel des Mobiltelefons in den Ohren. Ich kramte mein ganzes Französisch mitsamt Charme hervor und unterhielt mich höflich mit dem dicken Polizisten darüber, was los ist und was uns fehlt. Er wollte von uns schlichtweg Geld, welches wir ihm aber nicht grundlos geben wollten. Nach längerem hin und her und einigen Wortfetzen wie «sie sind hier um zu beten?» und «wir sind unterwegs, um zu helfen» hat er nach etwa 20 Minuten endlich nachgegeben und uns ohne Geld und Vignette weiterfahren lassen. Ich habe mich mit einigen Kugelschreibern bedankt, was er kommentierte mit einem «you are a correct lady» . Ich freute mich über den kleinen Erfolg, diese Korruption nicht unterstützen zu müssen.
Bei der zweiten Kontrolle wenige Kilometer später wurden wir wieder angehalten. Noch vom vorherigen Check ein wenig verärgert wurde uns hier mitgeteilt, dass wir die Rucksäcke nicht auf den Rücksitzen transportieren dürfen und dass wir deswegen eine Strafe bezahlen müssen. Wir versuchten zu erklären, dass im Kofferraum schon alles voll ist. Nichts desto trotz mussten wir unsere Rucksäcke auch noch in den Kofferraum würgen. Es interessiert hier niemanden, dass gleichzeitig nebenbei ein PKW mit 9 Insassen und einem völlig überladenen offen stehenden Kofferraum problemlos die Kontrolle passieren kann. Nach 500 CFA konnten auch wir weiterfahren.
Übernachtet haben wir im Hotel Le Ranch in Ebolowa. In unserem Reiseführer, der uns sonst noch nie getäuscht hat, war wohl eine Information nicht mehr ganz so aktuell. Das Hotel ist zwar idyllisch am Bergrand im Grünen und es ist ausser etwas Kindergeschrei aus der Ferne aus einigen Hütten sehr ruhig. Doch als wir angekommen sind, hatte es keinen Strom. Und es wird auch keinen Strom mehr geben, weil wahrscheinlich die letzten Rechnungen nicht mehr bezahlt wurden. Es wurde zu späterer Stunde der Notstromgenerator angeworfen. Als ich mich duschen wollte, kam kein Wasser. So ging ich zur Rezeption um danach zu fragen. Der Vermieter antwortete mir in Englisch, das Wasser käme gleich. So war es auch: einen kleinen Augenblick später kam er mit zwei Kübeln kaltem Wasser angelaufen. So haben wir uns notdürftig geduscht, je ein Kübel pro Person musste für unsere Katzenwäsche reichen. Das Zimmer war relativ gross, doch im üblichen Stil: verlottert und schmutzig, der Lichtschalter stand vor Dreck der vergangenen Zeiten, der Teppich hatte riesige Flecken, Kabel hingen herunter und die Klimaanlage war herausgerissen und nur noch Dekoration. Unter dem Tisch und dem Bett lagen noch zwei leere Weinflaschen. Nachdem wir noch vom Vermieter (der hier anscheinend alles alleine macht) mit Fisch und Kochbanane bekocht wurden, ging es uns auch schon wieder etwas besser. Nach dem zweiten Cola musste er dann noch im Dorf Nachschub kaufen gehen, damit wir weiter bedient werden konnten.

Hotel Le Ranch in Ebolowa.
Unsere Unterkunft im Hotel.

Unsere «Dusche».
Fisch mit Kochbanane.
Die Umgebung sprach auch für sich. Von einem Swimmingpool standen nur noch die Mauern oder besser gesagt ein Fundament. Die riesige Satellitenschüssel vor dem Eingang funktioniert bestimmt seit Jahren nicht mehr, sie war verrostet. Und ab und zu schlurfte jemand aus einem Zimmer davon Richtung Dorf. Vermutlich war dort auch ein Stundenhotel.
Wir waren sehr froh, dass wir am folgenden Tag nach Kribi weiterfahren konnten. Hier war es sehr trostlos und langweilig und es wimmelte von Moskitos. Auch Spinnen und Geckos waren vereinzelt im Raum. Zum ersten Mal unserer Reise mussten wir einen Haken in die Decke schrauben und unser mitgebrachtes Netz montieren. Es war schwüle 29 Grad und wir gingen schon sehr früh «mit den Hühnern» zu Bett.